Deutsche biathleten versinken im schneegestöber ihrer eigenen zweifel
Der Schnee von Otepää ist noch nicht geschmolzen, da schon der nächste Kater: 35 Nachlader, sieben Strafrunden, kein Sieg seit 157 Tagen – Deutschlands Biathlon-Team schießt sich mit jeder Patrone tiefer in die Krise.
Stefan Strelow blickt auf die Trainings Matte, als wäre sie ein feindliches Objekt. Drei Kreise drehte der 29-Jährige in Estland, danach sprach er vom „Katastrophenrennen“. Die Zahlen sind gnadenlos: 17 Nachlader in der Single-Mixed-Staffel, 18 in der klassischen. Ein Nationalteam, das einst für Kaltblütigkeit stand, wankt vor laufender Kamera.
Peter sendel zieht die notbremse – und schützt seine schützlinge
Schießtrainer Peter Sendel sitzt in der Sportschau-Box, zählt keine Patronen mehr, sondern Jahre. „Wir haben mit Vanessa Voigt und Justus Strelow die besten Schützen der Welt“, sagt er, um dann das Aber zu setzen: „Aber wer es sich im Training nicht zehntausend Mal geholt hat, traut sich im Rennen nicht.“
Er nennt Namen, die weh tun: Franziska Preuß, zurückgetreten, mit Gewehr-Angst durch den Winter. Philipp Horn, Julia Tannheimer, Selina Grotian – allesamt auf der Matte gestolpert. Sendel schützt die Jungen, attackiert die Angst. „Die Franzosen gehen mit Wut, wir mit Respekt ran. Der Unterschied sitzt nicht im Visier, sondern im Kopf.“
Der Blick auf die Konkurrenz tut ein Übriges: Norwegens lockeres Sieg-DNA, Frankreichs Roulette-Mentalität. „Wenn da einer patzt, lachen sie, weil der nächste es richtig macht. Bei uns wird jeder FehlSchuss zur Sünde“, sagt Sendel. Die Folge: überkorrekt gezielte Kugeln, die knapp neben der Scheibe zischen.

Der olympiaplatz wird zum schauplatz der demütigung
Die Olympischen Spiele 2026 rücken näher, die deutsche Medaillen-Hoffnung kleiner. Kein Einzelsieg, kein Selbstvertrauen, Podestplätze nur auf Pump: zweimal Nawrath, einmal Preuß, einmal Horn. Die Athleten verlassen das Stadion mit hängenden Schultern, die Trainer mit Laptop voller Statistiken.
Sendels Rezept klingt banal, ist aber radikal: „Jedes Training ist Olympia.“ Kein FehlSchuss wird mehr hingenommen, kein Nachlader als Pech abgetan. Wer nicht trifft, muss sprinten – bis die Lunge brennt und das Hirn die Bewegung speichert. „Wir haben verlernt, unter Druck zu schießen. Jetzt erfinden wir den Druck neu.“
Die Uhr tickt. Die Weltcup-Auftakt 2026/27 steht vor der Tür, die Gegner schlafen nicht. Wer jetzt nicht triftt, trifft später auf leere Ränge. Deutschland muss sich entscheiden: weiter zögern oder endlich abdrücken – mit der Gewissheit, dass hinter jedem Schuss ein ganzer Winter steht.
