Deutsche biathleten versagen am schießstand – sendel packt aus
Peter Sendel spricht Klartext: Die deutschen Biathleten haben ein massives Selbstvertrauen-Problem auf der Matte – und das ist kein Zufall.
Ein trainer packt aus
In Otepää gingen 18 Nachlader in der Mixed-Staffel und 17 im Single-Mixed durch die Decke – ein Wert, der selbst Fortgeschrittene im Schiesskurs erschaudern lässt. Justus Strelow bezeichnete das Rennen nach drei Strafrunden als „mit Abstand schlechtestes meiner Karriere“. Franziska Preuß trägt seit Monaten die Last der letzten Patrone. Olympia-Platz vier statt Medaille – wegen zwei Fehlschüssen. Die Liste der Leidtragenden liest sich wie ein Who-is-Who des aktuellen Kaders: Philipp Horn, Selina Grotian, immer wieder dieselbe Grimasse, wenn die Scheibe nicht kippt.
„Wir haben mit Vanessa Voigt und Justus Strelow die weltbesten Schützen im Team“, schränkt Sendel ein. „Man darf nicht alle über einen Kamm scheren.“ Doch die Spur ist klar: Wer nicht trifft, rutscht in die Bedeutungslosigkeit. Der Grund liegt laut Sendel weniger in der Technik als im Kopf. „Unsere Athleten haben Respekt davor, vorbei zu schießen“, sagt er. „Bei Franzosen und Norwegern ist die Angst vor dem Verlieren kleiner.“

Franzosen schießen, als wäre es ein freundschaftsspiel
18 Sekunden. So schnell pulverisieren manche Franzosen fünf Scheiben. Sendel nennt das „verblüffendes Risiko“. Dahinter steckt ein System: In Frankreich und Norwegen kann sich ein Athleet hinter Siegen der Kollegen verkriechen. „Wenn immer einer gewinnt, bin ich automatisch lockerer“, sagt Sendel. „Bei uns fehlt diese Sicherheit.“
Die Folge: Wer zögert, verliert. Sekundenbruchteile entscheiden über Podest oder Pech. Das deutsche Team trainiert zwar mehr, kontrolliert mehr, analysiert mehr – verliert aber genau dort die Lockerheit, die Treffer bringt.

Die lösung: jede übung wie olympia
Sendel will den Bogen zurück zum Extremtraining spannen. „Im nächsten Jahr wird jedes Training zum Wettkampf“, kündigt er an. Die Athleten sollen sich bei jedem Schuss fragen: „Was ist, wenn das jetzt meine Olympiade wäre?“ Die Devise: 100 000 Wiederholungen im Kopf, bevor die echte Patrone fliegt. Wer im Training Fehlschüsse akzeptiert, verliert spätestens in der Arena.
Das System ist kein Neuanfang, sondern ein Rückfall ins Alte – mit dem Ziel, das Selbstvertrauen wieder auf die Matte zu bringen. Ob es reicht? Die Antwort fällt in Oslo, beim Saisonfinale. Dann wird sich zeigen, ob die deutschen Biathleten endlich wieder ohne Zittern abdrücken – oder ob die nächste Staffel wieder mit Nachlader endet.
