Davies bricht zusammen: bayerns flügel lahm, atalanta jubelt

Alphonso Davies weint sich in die Kabine, und mit ihm weint die ganze Bayern-Defensive. 25 Minuten nach seiner Einwechslung bricht der Kanadier auf dem Kunstrasen von Bergamo zusammen, schlägt die Hände vors Gesicht, reißt sich das Trikot über den Kopf – das 6:1 wirkt wie ein Nebenschauplatz.

Die chronologie eines albtraums

70. Spielminute, 6:0 für die Münchner, Davies kommt frisch für Konrad Laimer. 25 Sekunden später fasst er sich an die rechte Wade, 25 Minuten später fasst er sich an die Tränen. Die Signalworte „Muskelfaserriss“ schwirren durch den Nachtwind der Lombardei, doch im Bus warten bereits die Röntgengeräte. „Ich habe ihn gefragt, er konnte nicht mal antworten“, sagt Vincent Kompany mit schwerer Stimme. „Er hat nur den Kopf geschüttelt.“

Es ist der dichte Plot-Punkt einer Saison, die für Davies wie ein Horrorfilm daherkommt. Kreuzband-Operation im Sommer, Comeback im Dezember, nächster Riss Ende Februar, nun die erneute Zitter-Pause. Die medizinische Abteilung hatte ihn in Aufbaukontrollen als „grünes Licht“ deklariert – das Licht wurde binnen 1.500 Metern Laufleistung wieder rot.

Kollateralschaden im taktikplan

Kollateralschaden im taktikplan

Mit Davies verschwindet die letzte Dampfmaschine auf der linken Seite. Kompany hatte den 25-Jährigen eingeplant, um in der Rückrunde die 3-2-5-Formation im Ballbesitz zu perfektionieren: Linksaußen sollte er als „inverted full-back“ nach innen rutschen und Musiala auf der halben Höhe überladen. Ohne ihn droht ein Umdenken zu einer konservativen Viererkette – und das zwei Wochen vor dem Duell mit dem BVB, der die Zwischenlinien genau dort attackiert.

Die Misere kaskadiert: Musiala humpelt nach seinem Tor ebenfalls, Jonas Urbig wird nach einem Schlag gegen den Kopf benommen abgeführt. „Wir haben drei Spieler verloren und trotzdem sechs Tore geschossen“, versucht Kompany zu schmunzeln. Die Ironie: Die Tore galten als Schadensbegrenzung, nicht als Siegesrausch.

Die rechnung für ein 6:1

Die rechnung für ein 6:1

Bayern feiert den höchsten Auswärtssieg der Klubgeschichte in der K.-o.-Phase der Champions League, doch die Kabine ist nach Spielschluss so laut wie eine Bibliothek. Die Spieler schauen auf ihre Smartphones, wo die ersten englischen Zeitungen bereits vom „Bayern-Blutbad“ sprechen – gemeint ist nicht das Ergebnis, sondern die Verletztenliste.

Die Statistik lügt nicht: Seesamt 27 Ausfälle in dieser Saison, zwölf davon Muskelfaserrisse. Die Fitnessabteilung arbeitet mit Sensoren, die 200 Mal pro Sekunde die Muskelspannung messen. Trotzdem platzt der nächste Faserstrang. „Wir können die Belastung steuern, aber nicht die Emotion“, sagt Co-Trainer Klaus Gindhart. „Davies wollte unbedingt helfen. Das war sein Fehler und seine Größe.“

Am Dienstag steht die Rückkehr nach München an. Davies wird voraussichtlich mit dem Krankenwagen, seine Kollegen mit dem Charterjet reisen. Der Kanadier hat sich in den sozialen Netzwerken noch nicht geäußert – wer ihn kennt, weiß: Er wird sich in Stille retten oder in Stille zerbrechen. Für den FC Bayern bleibt nur die Erkenntnis, dass selbst ein 6:1 Sieg einen bitteren Nachgeschmack haben kann, wenn der Preis in Tränen gezahlt wird.