Chronischer bauchschmerz: seltene nervenfalle quält patienten
Ein unscheinbares Leiden, das Jahre der Ärzte-Odysee verursacht: Die seltene ACNES-Symptomatik. Professor Giampiero Campanelli erklärt, warum die Diagnose so schwierig ist und welche Hoffnung es für Betroffene gibt.
Die frustrierende suche nach der ursache
Für viele Patientinnen, vor allem im mittleren Alter, beginnt eine qualvolle Odyssee. Ein chronischer, lokalisierter Schmerz im Bauchraum, oft seitlich vom Bauchnabel, zwingt sie von Arzt zu Arzt. Die Schmerzen sind stechend und reizend, reagieren kaum auf Schmerzmittel und lassen sich mit konventionellen bildgebenden Verfahren nicht aufspüren. „Es ist eine Situation, die wir immer wieder sehen“, berichtet Professor Campanelli, Spezialist für Hernienchirurgie in Mailand. „Die Patientinnen sind verzweifelt, weil niemand eine Erklärung für ihr Leiden findet.“

Von der fehlsuche zur chirurgischen erkenntnis
Oftmals werden zunächst andere Ursachen vermutet – Probleme im Darmbereich, die zu Darmspiegelungen und anderen Untersuchungen führen. In manchen Fällen werden sogar unnötige Operationen wie eine Appendektomie durchgeführt. Doch die Schmerzen bleiben bestehen. Der Durchbruch kam mit der Entwicklung der robotergestützten Chirurgie. Bei komplexen Bauchwandoperationen entdeckten Chirurgen plötzlich mikroskopisch kleine Hernien, die zuvor mit keiner bildgebenden Methode sichtbar waren. Noch überraschender: Sie stellten fest, dass Nervenbahnen in diesem Bereich ungewöhnlich stark abgewinkelt verliefen.
Acnes: die entdeckung der nervenfalle
„Wir haben uns gefragt, ob es sich hier um eine bislangunbekannte Erkrankung handeln könnte“, so Professor Campanelli. Die Erkenntnis: In einigen Fällen können Nerven, die von der Wirbelsäule zur Haut ziehen – die sogenannten Nervi cutanei anteriores – in der Bauchwand eingeklemmt werden. Dieses Phänomen wird als Anterior Cutaneous Nerve Entrapment Syndrome (ACNES) bezeichnet. „Es handelt sich um eine Diagnose per Ausschlussverfahren“, erklärt der Professor. „Wir schließen zunächst alle anderen möglichen Ursachen aus und stellen dann fest, dass die Nerveneinklemmung die wahrscheinlichste Erklärung für die Beschwerden ist.“

Die chance auf linderung durch operation
Die gute Nachricht: In vielen Fällen kann die ACNES-Erkrankung durch eine gezielte Operation, meist mit robotergestützter Technik, erfolgreich behandelt werden. Dabei werden die eingeklemmten Nerven befreit. „Wenn die Operation erfolgreich ist und die Schmerzen nachlassen, können wir mit großer Wahrscheinlichkeit die Diagnose ACNES bestätigen“, so Professor Campanelli. Die Forschung steht jedoch noch am Anfang. „Wir wissen noch nicht genau, warum diese Nerveneinklemmungen entstehen. Es könnte eine genetische Veranlagung oder ein Stoffwechselproblem dahinterstecken.“
Die Zahl spricht für sich: Schätzungen zufolge leiden jährlich tausende Menschen in Deutschland an ACNES, ohne es zu wissen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung können jedoch die Lebensqualität erheblich verbessern.
