Chiarugi packt aus: depression in florenz, der verlorene triplet und das späte geständnis
„Ich war depressiv, versteck das nicht.“ Mit diesem Satz sprengt Luciano Chiarugi, 75, in der Mailänder Wohnung das Schweigen über ein Tabu der 70er-Jahre. Der Mann, der als ‚cavallo pazzo‘ die Kurven von San Siro und Artemio Franchi sprengte, wog damals zehn Kilo weniger. Die Ursache: Nils Liedholm, sein Coach in Florenz, sprach mit ihm per Sie. „Ich fühlte mich wie in Taktik-Arrest.“
Der tag, an dem sich alles änderte
Die Erinnerung daran bringt ihn noch heute zum Zittern. Nach dem Streit mit Liedholm flüchtete er sich in ein Gespräch mit Nereo Rocco, dem legendären Paròn des AC Milan. „Er schaute mich von oben bis unten an und sagte: ‚Das soll der neue Flügelspieler sein?‘ Ich war nur noch Haut und Knochen.“ Rocco bestellte zwei Küchenchefs, baute ihn in sechs Wochen wieder auf – und schenkte ihm eine Familie, die er nie hatte.
Das spiegelte sich sofort auf dem Platz wider. 1973 spielte er sich in der Coppa delle Coppe ins Finale, schoss gegen Leeds den Freistoß zum 1:0. „Ich lief zu Rivera und bettelte: ‚Gianni, lass mich, ich spüre den Ball heute.‘ Er gab mir den Platz, ich traf. Bis heute schreibt er mir bei WhatsApp: ‚Nur diese eine hast du bekommen.‘“

Verona: das phantom, das nie ruht
Doch zwischen den Pokalen wartet ein Schatten. 30. Juni 1973, Stadio Bentegodi: Verona schlägt Milan 2:1, zerstört den Traum vom historischen Triple. Chiarugi senkt die Stimme. „Ich kann es dir nicht erklären, wirklich nicht. Wir kamen erschöpft vom Leeds-Final, aber das war keine Erklärung. Das Stadion war rot-schwarz gefüllt, das Spiel hatte etwas Übernatürliches.“
In der Kabine herrschte Stille, lauter als jedes Gebrüll. „Rocco schrie, aber wir sagten kein Wort. Wir haben gemeinsam gelitten, nie gestritten. Das war unser größter Stolz und unsere größte Wunde.“
Die Wunde blutet noch. Jeden Morgen, gesteht er, spult er diese 90 Minuten im Kopf zurück. „Ich würde sie sofort neu anpfiffen lassen, glaub mir.“

Der mythos vom ‚chiarugismo‘
Zum Schlupf aus der Interview-Zeitfalle liefert er eine Kopfnuss gegen ein anderes Gespenst. Man habe ihm Simulation unterstellt, das berüchtigte „Chiarugismo“. Er schnaubt. „Die Schiedsrichter hassten mich einfach. Ich bin nie gefallen, aber ich war berühmt, das reichte. Heute gäbe es VAR, damals gab es Prügel – echte.“
Er steht auf, zeigt die alte Wohnzimmerwand mit dem Foto vom Scudetto-Sieg 1969. „Diese Mannschaft war keine Taktik, das war ein Spaß-Club. Wir haben im Katakomben-Flur Witze gemacht, nicht Taktik. Pesaola hat mit Zuckerbrot und Peitsche gewirtschaftet, und wir sind ihm hinterhergerannt wie verrückte Pferde – eben: cavalli pazzi.“
Ein letztes Foto: Chiarugi mit Riva und Rivera. Er tippt mit dem Finger auf das Bild. „Diese drei sind heute noch mein Lebens-Remis: ein Torjäger, ein Spielmacher, ein Depressiver, der wieder fliegen lernte.“ Dann lacht er, diesmal nicht nur mit den Lippen. Das Lachen eines Mannes, der weiß: Selbst ein verlorenes Finale kann eine Karriere nicht erlöschen, wenn man die Wahrheit endlich ausspricht.
