Chabbey schreibt geschichte, koch knallt aufs podest – schweizer doppelcoup in siena

Die Piazza del Campo bebte, die weißen Staubwolken setzten sich, und plötzlich standen zwei Frauen in gelb-schwarz im Mittelpunkt: Elise Chabbey riss als erste Schweizerin die Strade Bianche für sich, ihre deutsche Teamkollegin Franziska Koch schlug die Hände vors Gesicht – Bronze nach 133 Kilometern purem Kalkstein-Grind.

3:35:42 Stunden brauchte Chabbey, um die polnische Topfavoritin Kasia Niewiadoma auf den letzten 12,8 % der Via Santa Caterina wegzuspuren. Dahinter jagte Koch mit zehn Sekunden Rückstand über die Kopfsteinpflaster und schaufelte sich mit einer Endspurt-Attacke Rang drei – ihr erstes WorldTour-Podest seit der San Sebastián-Krise 2024. „Ich dachte nur: Jetzt oder nie“, keuchte die 25-Jährige; ihre Stimme klang, als hätte sie Schotter im Hals.

Der plan, der alle überraschte

FDJ-United hatte vor dem Rennen intern auf Chabbey gesetzt, Koch sollte früh attackieren und Verfolgerinnen müde machen. Doch als Niewiadoma auf der Monte Sante Marie das Tempo auf 48 km/h schraubte, steckte Koch noch mit drin. Statt sich zu verausgaben, schaltete sie in die Rolle des Schattens: 18 Kilometer verbrachte sie im Windschatten der Polin, sparte 22 Watt und wartete auf den letzten Anstieg vor dem Campo.

Dort schaltete Chabbey – sonst eher die ruhige Bergass – in den Sprintmodus. 58 Kilometer pro Stunde Topspeed auf dem 11-%-Gefälle, ein Angriff, den selbst Niewiadomas 1.000-Watt-Keule nicht kontern konnte. „Ich habe gespürt, dass sie müde ist, und dann einfach meine Beine sprechen lassen“, sagte Chabbey mit einem Grinsen, das man noch in Lugano sehen wird.

Kochs neuanfang nach dem sturztrauma

Kochs neuanfang nach dem sturztrauma

Für Koch war das Rennen mehr als ein Podest – es war Therapie. Nach ihrem schweren Sturz bei der Deutschland Tour 2024 hatte sie das Frühjahr mit 40 % Leistungsdefizit begonnen. In València fehlten ihr noch zehn Watt auf Spitzenniveau, hier in Siena fehlten nur zwei. „Ich habe endlich wieder das Gefühl, dass mich die Maschine nicht ausspuckt, sondern trägt“, gestand sie, während Teamchefin Stephen Delcourt ihr den Staub aus den Augen wischte.

Die Daten sprechen Bände: Kochs durchschnittliche Herzfrequenz lag bei 175 bpm, sie fuhr 38 Sekunden länger im anaeroben Bereich als je zuvor in dieser Saison. Die Schotterpassagen hatte sie im Winter auf einem verlassenen Kiesplatz bei Frankfurt trainiert – 1.200 Kilometer Staub, dafür jetzt 200 Meter Ehrentreppen auf der Piazza.

Was das bedeutet für den frauen-radsommer

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Mit dem Doppelerfolg schiebt FDJ-United sich an die Spitze des WorldTour-Klassements, Chabbey springt von Rang 7 auf 2, Koch krallt sich erstmals Top-Ten-Punkte. Die Konkurrenz schaut nach rechts und links: Niewiadoma klagte über „zu viele Schweizer Funken“, Trek-Segafredo will beim nächsten Klassiker mit Lizzie Deignan und Shirin van Anrooij ein Doppel kontern.

Und die Fans? Die haben endlich wieder eine deutsche Heldin, die nicht nur in der Fläche fährt, sondern auf Podien landet. Wenn Koch am Sonntag bei der Gent-Wevelgem an den Start geht, wird sie nicht mehr als Außenseiterin, sondern als Anwärterin gehandelt. Die 3,2 Millionen App-Nutzer von Eurosport haben in den letzten 24 Stunden 1,4 Millionen Mal das Zielvideo gestreamt – Tendenz steil.

Chabbey hat ihre Geschichte geschrieben, Koch ihre erneut begonnen. Und Siena? Die Stadt der Palio-Pferde hat zwei neue Heldinnen, die nicht reiten, sondern schreddern. Der weiße Staub bleibt – und er erinnert daran, dass sich aus Schotter nicht nur Staub, sondern auch Podeste formen.