Capell: trail running fordert körper und geist – und die profis leiden!
Pau Capell, einer der bekanntesten Namen im Ultratrail-Lauf, hat in einem offenen Gespräch seine persönlichen Erfahrungen und die Veränderungen in der Sportart beleuchtet. Nach seinem dritten Platz beim Camí de Cavalls, einem Rennen mit besonderer Bedeutung für ihn, offenbarte der katalanische Läufer, dass er sich der professionellen Herausforderung zunehmend erschöpft fühlt. Ein Blick hinter die Kulissen des modernen Trailrunning.
Die spirale der geschwindigkeit: was sich im ultratrail verändert hat
Capell analysierte die dramatischen Verschiebungen im Ultratrail-Lauf der letzten Jahre. „Das Leistungsniveau ist enorm gestiegen, vor allem was die Geschwindigkeit betrifft“, erklärte er. Selbst bei 100-Meilen-Distanzen werden heute Tempi erreicht, die vor wenigen Jahren undenkbar waren. Das zwingt Läufer dazu, ihre Trainingsmethoden anzupassen und gezielt an der Geschwindigkeit zu arbeiten. Serienintervalle sind längst keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit, um mit der Konkurrenz mithalten zu können.
Doch es ist nicht nur die Geschwindigkeit, die sich verändert hat. Auch die Art und Weise, wie Läufer sich in Rennen verhalten, hat sich gewandelt. Die Verpflegungsstationen, einst Orte der Entspannung und des genüsslichen Essens, sind heute zu blitzschnellen Tankstopps geworden, bei denen jeder einzelne Moment zählt. „Früher konnte man sich noch hinsetzen und in Ruhe etwas essen“, erinnert sich Capell, „heute ist das schlichtweg unmöglich, wenn man auf höchstem Niveau mithalten will.“

Der preis des erfolgs: die schattenseite des profisports
Doch hinter der glitzernden Fassade des Erfolgs verbirgt sich eine bittere Wahrheit: Der professionelle Trailrunning fordert seinen Tribut. Capell sprach offen über die Erschöpfung, die ihn zunehmend begleitet. Zwar empfindet er es als selbstverständlich, für seine Arbeit entlohnt zu werden, doch der Druck, konstant Ergebnisse liefern zu müssen, und das immense Leid, das mit einigen Rennen einhergeht, zehren an seinen Kräften. „Wenn man nicht professionell läuft, kann man sich die kleinen Pausen und die Erholung gönnen, die man braucht. Als Profi ist das anders“, so Capell.
Besonders belastend ist die mentale Belastung während der langen Rennen. Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit und die Frage, ob die persönlichen und familiären Opfer gerechtfertigt sind, können Läufer in den Abgrund treiben. Das Management dieser Gedanken über lange Distanzen ist eine Kunst für sich, die nicht jeder beherrscht.

Ein zu früher start? die last der vergangenheit
Capell räumte ein, dass er seine Ultradistanz-Karriere möglicherweise zu früh begonnen hat. Die Teilnahme an bis zu sieben Ultramarathons pro Saison über mehrere Jahre hinweg hat seinen Körper und Geist nachhaltig belastet. Obwohl er stolz auf seine Erfolge, darunter der Sieg beim Ultratrail du Mont-Blanc im Jahr 2019, ist, bereut er, nicht früher gelernt zu haben, wann es Zeit ist, eine Pause einzulegen. Die Überlastung führte zu körperlichen und mentalen Tiefs, die ihn bis heute begleiten.

Die zukunft des trailrunning: amateur-wurzeln und professionelle ansprüche
Capell plädiert für eine klarere Trennung zwischen professionellen und ambitionierten Hobby-Läufern im Trailrunning. Er hält es für sinnvoll, den Sport stärker zu professionalisieren und gleichzeitig die amateurhaften Wurzeln zu bewahren. Wie im Radsport sollten auch im Trailrunning klare Regeln für die Teilnahme an Rennen und die Verteilung der Preisgelder gelten. Die Anwesenheit von Topstars wie Kilian Jornet und Jim Walmsley bei großen Rennen sei zwar wichtig für das Image des Sports, sollte aber nicht die Interessen der breiten Masse überlagern.
Über die Gehälter im Trailrunning zeigte sich Capell skeptisch. Obwohl seine finanzielle Situation sich nach dem UTMB-Sieg verbessert habe, lägen die Einkommen immer noch deutlich unter denen anderer professioneller Sportarten. Der Medienwirbel um Läufer wie Mathieu Blanchard zeige jedoch, dass auch andere Faktoren als rein sportliche Leistung den Marktwert eines Athleten beeinflussen können.
Das „breaking 20“-ziel und der blick nach vorn
Sein persönliches Ziel bleibt das UTMB, wo er versucht, die Strecke in unter 20 Stunden zu absolvieren – eine Herausforderung, die er selbst populär gemacht hat. Er glaubt, dass er dazu in der Lage ist, hat aber gelernt, sich nicht von der Konkurrenz ablenken zu lassen. Frühere Versuche, sich zu sehr auf die Gegner zu konzentrieren, hatten ihn sogar zum Aufgeben bewogen. Nun liegt sein Fokus auf seiner eigenen Leistung und seinen Körpergefühlen. Die Narben der Vergangenheit sind zwar vorhanden, doch die Leidenschaft für den Trailrunning brennt weiterhin.
Kilian Jornet, so Capell, sei der unbestrittene König des Trailrunning. Sein außergewöhnlicher Beitrag zur Sportart werde oft unterschätzt, da seine Leistungen als selbstverständlich hingenommen würden. Wie Jornet treibt auch Capell der unbändige Wille, sich mit den Besten zu messen, an und wird auch in Zukunft an der Startlinie des UTMB stehen – bereit, sich der Herausforderung zu stellen.
