Bronze für worontschichina: russlands medaille löst paralympics-eis in cortina
Cortina d’Ampezzo – Ein Aufschrei, dann Stille. Warwara Worontschichina stand am Freitag um 11:47 Uhr als Dritte im Ziel der Abfahrt, doch ihre Bronze klang wie ein Knall. Erste russische Paralympics-Medaille seit Sotschi 2014 – und das nach vier Jahren Startverbot, Klagen, Wildcard-Gerangel, geopolitischem Eis.
Der lauf, der alles aufbrach
2,47 Sekunden fehlten der 23-jährigen Russin auf Schwedens Weltcup-Boss Ebba Arsjö. Klingt viel, ist es nicht. Auf Eis und Schnee bedeutet das: eine Handbreit. Arsjö fuhr 1:22,00 Minuten, Worontschichina 1:24,47 – und hatte trotzdem gewonnen, zumindest symbolisch. Denn die 25-Jährige Schwedin holte bereits ihre dritte Gold-Medaille, die Russin aber ihre erste Startgenehmigung seit dem FIS-Bann.
Hinter Arsjö sicherte sich die Französin Aurélie Richard Silber, doch die Kameras richteten sich nach dem Rennen nur auf eine. Worontschichina wischte sich Schneekristalle aus dem Gesicht, atmete tief durch – und lächelte zum ersten Mal seit Langem ohne Einschränkung. „Ich bin einfach nur froh, dass ich starten durfte“, sagte sie, ohne viel Pathos. Genau das macht ihre Geschichte so laut.

Vier jahre außerhalb des weltcups
Der Weg nach Cortina war ein Parcours durch Juristengebirge. Nach dem Dopingskandal um Staatsprogramm und anschließendem Ukraine-Krieg hatte das IPC Russland und Belarus ausgeschlossen. Erst ein CAS-Urteil im Dezember, dann die IPC-Wildcard im Januar – sechs Startplätte für russische Athleten, einer davon ging an Worontschichina. Vier Jahre ohne Weltcup-Rennen, dafür mit Trainingslagern im Kaukasus, ohne Wettkampfrhythmus, mit Startnummer 21 statt 1.
Die FIS hatte ihre Punkte gelöscht, die Rangliste war leer. Also fuhr sie blind ins erste Timing, hatte keine Vorläufe in der Beinmuskel-Erinnerung. Trotzdem: Bronze. „Ich wusste, dass meine Linie stimmt, wenn ich die erste Zwischenzeit sehe“, sagte sie. Die Zwischenzeit war gut, die Linie auch.
Flagge im amphitheater von verona
Am Eröffnungsabend wehte die russische Trikolore erstmals wieder bei einer Paralympics-Zeremonie. Viele Zuschauer klatschten, andere verharrten in frostigem Schweigen. Das IPC hatte vorab betont, die Athleten stünden „nicht für Regierungen, sondern für sich“. Doch jede Fahrt durch die Tore, jede Siegerehrung ist auch ein politisches Foto. Worontschichina wollte davon nichts wissen: „Ich bin Sportlerin, keine Botschafterin.“
Die Reaktionen im Mixed Zone spiegelten den Graben. Schwedens Arsjö gratulierte mit Handschlag, aber knappem Nicken. Die französische Silbermedaillenfrau Richard umarmte dagegen länger als nötig. „Sport verbindet, das ist kein Spruch, das habe ich heute gespürt“, sagte Richard. Worontschichina nickte, sagte aber nichts. Ihre Antwort war die Medaille um den Hals.
Was die bronze wirklich bedeutet
IPC-Präsident Andrew Parsons sprach von „einem ersten Schritt zur vollständigen sportlichen Rückkehr“, Russlands Sportminister Oleg Matyzin ließ via Telegram gratulieren und sprach stolz von „unzerbrechlichem Geist“. Doch die Athletin selbst wirkte wie jemand, der endlich wieder atmen darf. Kein Aufschrei nach Gerechtigkeit, keine politische Kampfansage – nur ein Lächeln, das trotz Maske sichtbar war.
Die Zahl, die bleibt: 3 511 Tage seit der letzten russischen Paralympics-Medaille. Nun sind es wieder null. Ob weitere folgen, steht in den Sternen – oder besser: in den Startlisten. Denn die nächsten Rennen folgen sofort. Und Worontschichina hat ihre Startnummer schon wieder in der Hand.
