Boykott und fahne: wedde und forster führen deutsches team ohne einmarsch

Anna-Lena Forster und Jörg Wedde tragen die deutsche Flagge – doch es gibt keinen Einmarsch. Der Deutsche Behindertensportbund verzichtet auf die Eröffnungsfeier in Verona, weil Russland und Belarus offiziell starten dürfen. Die Bilder der Fahnenträger entstehen trotzdem: im Studio, ohne Publikum, ohne Trommeln.

Für die 30-jährige Monoskifahrerin ist es der zweite Auftritt nach Peking. Für den 60-jährige Eishockey-Stürmer der Hannover Ice Lions die Premiere. Beide wussten es erst kurz vorab. „Ich habe nicht damit gerechnet, diese Ehre noch einmal zu erleben“, sagt Forster. Wedde nennt es „ein weinendes und ein lachendes Auge zugleich“. Er ist das älteste Mitglied des deutschen Teams, war schon 2006 dabei, nun wieder – und wieder ohne Einmarsch.

Der boykott und seine nebenkriegsschauplätze

Der DBS begründet die Absage mit der Solidarität zur Ukraine und der „weiten Reise“ nach Verona. Doch dahinter steckt mehr: Die Entscheidung, nur zwei Athleten und zwei Offizielle pro Land in die Arena zu lassen, sorgte schon vor Wochen für Wut. Die russische Flagpe wird erstmals seit Sotschi 2014 wieder geschwenkt – von freiwilligen Helfern, nicht von Athleten. Die Ukraine musste ihr Trikot mit Landkarten-Motiv abkleben. Die Paralympics beginnen unter dem Schatten eines Krieges, der auch auf den Rängen weitergeht.

Forster startet am Samstagmorgen in Cortina mit der Abfahrt. Wedde spielt am Mittag in Mailand die erste Vorrunden-Partie. Beide werden ihre Fahnen-Rolle nur in Social-Media-Clips erleben. Die Kamera wird ihnen ein paar Sekunden geben, dann geht’s zurück ins Athletendorf. Die Quote wird trotzdem steigen – weil viele Zuschauer erst durch den Boykott auf die Spiele aufmerksam werden.

Die zahl, die bleibt: 60

Die zahl, die bleibt: 60

60 Jahre alt, 60 Minuten Eishockey, 60 Sekunden im Fokus. Wedde hat die Zeit auf seiner Seite. Für Forster könnten diese Spiele die letzten sein. Ihre Goldmedaillen sind zu Hause, ihre Fahne bleibt in Italien. Beide werden am Freitagabend nicht in der Arena stehen, aber in jedem zweiten Wohnzimmer Deutschlands. Das ist der neue Einmarsch: ohne Stufen, ohne Stadien, nur mit Klick.