Boston kapituliert vor der tartan army – 30.000 schotten verwandeln die stadt in eine kneipe ohne ende

Boston schwappt in Orange. 30.000 schottische Stimmen übertönen die Liberty Bell, Dudelsäcke verdrängen die U-Bahn-Sirenen, und im Samuel Adams Taproom steht seit gestern nur noch ein Schild: Sorry, we're dry.

Das 1:0 gegen haiti war nur der funke

Seit 1998 hatte Schottland keine WM mehr gesehen, seit 1986 kein Tor mehr in der Endrunde geschossen. Das war vor einigen Stunden Geschichte. Scott McTominay nickte in der 67. Minute, und die Tartan Army explodierte. Kein Pyro, keine Randale – nur endloser Gesang. No Scotland, no Party tönte es vom Fenway Park bis zur Harvard Bridge, und die Bostoner Polizei schaute grinsend zu. Eine Stadt, die den Tea Party-Aufstand erfunden hat, erlebte gerade die friedlichste Invasion ihrer Geschichte.

Hennessy's Bar an der Canal Street verkaufte gestern mehr Ale als an St. Patrick's Day. „Ich habe 32 Jahre hier gearbeitet, noch nie war das Bier vor 22 Uhr leer“, sagt Barchefin Noelle Somers. Der Lieferwagen kam um Mitternacht – die Schotten warteten lachend auf dem Gehsteig und haben ihn direkt entladen. Jennifer Monastesse vom Irish Pub nebenan musste die Musik abblasen, weil niemand mehr aufhörte zu singen. „Sie trinken alles. Und dann singen sie darüber, wie leer die Gläser sind.“

Orange verdrängt rot-blau-gold

Orange verdrängt rot-blau-gold

Die Stars-and-Stripes wehen noch, aber die Farbe des Tages ist Orange-Weiß. Fast jede Statue trägt einen Verkehrshut – Hommage an das Duke-of-Wellington-Denkmal in Glasgow. Die Freedom Trail? Verlassen. Stattdessen pilgern Touristen zu den Dudelsackspielern vor dem State House. Ein 83-jähriger Schotte erklärt es so: „Schottland ist heute geschlossen. Alle sind hier.“

Die Boston Bruins haben ihre Twitter-Bio kurzzeitig in „Boston Tartan Bruins“ umbenannt. Lokale Radiosender spielen Rod Stewart und The Proclaimers im Dauerpaket. Sogar das berühmte Cheers-Restaurant am Beacon Hill hat den Fernseher auf BBC Scotland geschaltet und die Budweiser-Fässer gegen Belhaven getauscht.

Nächste station marokko – und boston hält den atem an

Nächste station marokko – und boston hält den atem an

Nach neun vergeblichen WM-Teilnahmen ohne K.o.-Runde könnte der Fluch am Samstag gegen Marokko enden. Kapitän Andrew Robertson sagt nach dem Training: „Wir spielen nicht nur für die Elf auf dem Platz, sondern für die 30.000 auf den Straßen.“ Die Tartan Army nimmt ihn beim Wort. Flugpreise von Edinburgh nach Boston sind seit gestern um 400 % gestiegen, und die AirBnBs in Southie sind ausgebucht bis nach Thanksgiving.

Wenn Schottland gewinnt, plant die Stadt offenbar eine eigene Parade am Sunday. Die Boston Police Department twittert mit schottischem Emoji: „Wir sind bereit – bringt die Dudelsäcke mit.“ Die Brauereien haben bereits Notfall-Lieferungen aus Vermont und Maine bestellt. Die Party ist längst nicht mehr nur Fußball. Sie ist ein kollektiver Freudentaumel, der Boston in eine schottische Exklave verwandelt – zumindest bis das Bier wieder da ist.

Und wenn Schottland tatsächlich das Achtelfinale erreicht? Dann wird Boston zur Stadt ohne Schlaf. Die Tartan Army hat bereits angekündigt, bis zur Finalrunde zu bleiben. Eine Stadt, die sonst für Baseball und Basketball brennt, spielt jetzt verrückt vor einem Hintergrund aus Dudelsack und Whisky. Der Pokal ist noch fern – aber die Party von Boston ist längst Geschichte geschrieben.