Boston erstickt in tartan: 50.000 schotten saufen die stadt leer
Die Bürgersteige beben, die Zapfhähne glühen, und irgendwo zwischen Custom House Tower und Fenway Park hat Boston einen Akzent angenommen, der sich anhört wie Dudelsack und nachschmeckt wie 5.000 Pints pro Tag. Die Tartan Army ist gelandet – und sie kommt nicht zum Trinken, sondern zum Durchtrinken.
Ein türsteher, zwei meter breite schultern und kein bier mehr
„Moment mal, Sir, so was hab ich noch nie gesehen“, sagt der Security-Koloss vor dem Pub in der Innenstadt und meint es ehrlich. Die Schlange vor ihm windet sich um drei Ecken. Es ist kurz nach Mittag, und drinnen steht Oran McGonagle, Besitzer des Dubliner, vor einem Problem, das sich 1.000 Menschen vor 12 Uhr nennt. „Ich brauche Urlaub, und zwar sofort“, lacht er, während er die dritte Kiste Guinness aus dem Laster schleppt. „Gestern haben wir von Mittag bis halb zwei nachts eine Schlange von 200, 300 Leuten vor der Tür gehabt. Das ist kein Pub mehr, das ist ein Notfallplan.“
Die Rechnung ist simpel: 50.000 schottische Fans plus historische WM-Teilnahme plus Sieg gegen Haiti ergibt eine Stadt, die in den letzten 24 Stunden mehr Ale vernichtet hat als in jeder World-Series-Woche zusammen.

Red sox-spiel? tartan überall
Sogar Fenway Park, sonst ein Baseball-Heiligtum, wurde zur Nebenkirmes. Die Tartan Army füllte die Outfield-Tribüne, sang „No Scotland No Party“ und brach damit den Geräuschrekord eines Turniers, das erst drei Tage alt ist. Die Red Sox? Zweite Geige. Die Fans? Erste Liga.
Oran zuckt mit den Achseln, als wir ihn fragen, wie viel Liter das in Zahlen sind. „Keine Ahnung. 5.000 Pints, 16 Ounce pro Stück – ich zähle Schubladen, nicht Milliliter.“ Seine Lager sind leer, die Kühlschränke verdoppelt, die Stimmung trotzdem auf Maximum. „Die Leute sind einfach gut drauf. Singen, tanzen, bestellen – und bezahlen. Null Stress, nur Freude.“

Wir trinken, egal wie’s ausgeht
Am Tresen steht ein Schotte in Kilttasche und leert die halbe Pint in einem Zug. „Zehn Pints pro Spiel? Vielleicht zwölf. Solange sie nachschenken, trinke ich“, sagt er und grinst, als hätte er das Patent auf Durchhaltevermögen. Sein Kumpan ergänzt: „Wir sind für das Bier geboren, und wir machen’s gut. Gewinnen wir? Prima. Verlieren wir? Auch prima. Hauptsache, das Fass ist leer.“
Morgen geht’s gegen Marokko. Die Kneipen haben bereits den zweiten Notfall-Einkaufswagen bestellt. Die Stadt schläft nicht, sie summt im Takt von Dudelsäcken und Zapfhahn-Klackern. Boston hat sich in Schottland-annex verwandelt – und keiner will zurück.
Wenn die letzte Pint geleert ist, steht das Ergebnis auf der Anzeigetafel: Boston 0 – Tartan Army 5.000 Pints und zählend.
