Blau-weiß wiehre macht den platz dicht für leistungsdruck

Emil Lehmann, zwölf, trägt das Trikot von Grifo und hat den Ball im Kopf. Seine Beine halten sich dagegen bedeckt. Im Breisgau gibt es jetzt einen Verein, der sagt: Komm trotzdem. Komm, wie du bist. Blau-Weiß Wiehre spielt am regulären Sonntagstermin der C-Jugend mit – und kassiert 1:83 Tore. Das ist kein Witz, das ist Konzept.

Der sieg, der in den kniestocken steckt

Trainer Axel Heim zählt nicht Tore, sondern Teilnehmer: 70 Kinder, fünf Fluchtbewegungen, drei Autismus-Spektren, ein Down-Syndrom, null Auswahl. Die D-Jugend durfte in die Inklusionsliga, die C-Jugend sagte: „Nein, wir wollen den echten Spielplan.“ Seitdem reisen sie zu Clubs, die Tore schießen wie andere Warm-ups machen. Die Hinrunde endete 1:83. Dann kam der SV Münstertal, ein Nebenschauplatz in der Landesliga. 3:2 – die Bank explodiierter Freudentränen. Heim: „Die Gegner haben uns hochgehoben, nicht nur die Hände.“

Die Eltern zahlen 60 Euro im Jahr, weil der Verein sagt: Geld darf nicht entscheiden. Vom DFB-Preis kauften die Kids neue Trikots – grün-lila, weil das die Mehrheit wollte. Mitbestimmung gilt als Position, nicht als Alibi. Carmen Höfflin, einst SC-Frau, saß in der Jury: „Wir haben 5.000 Bewerbungen, aber nur eine Geschichte, in der Niederlage glücklich macht.“

Der ball, der rollstühle überholt

Der ball, der rollstühle überholt

Patrick sitzt im Elektrorollstuhl, 24/7-Assistenz an seiner Seite. Beim Training wird er Torhüter – die Arme reichen, der Rest ist Sound. Sein Vater sagt: „Er kann nicht laufen, aber er kann parieren.“ Die Mannschaft jubelt, wenn der Ball an seiner Hand zerschellt. Keiner fragt, ob das regulär ist. Die Regel heißt: Mitbestimmung bis zur Schulter.

Emils Vater Frank erinnert sich an die alte Realität: „In der Schule hieß es, er sei zu langsam fürs Kreisliga-Training. Hier sagt der Trainer: Langsam ist auch Bewegung.“ Emil steht zehn Minuten auf dem Platz, aber diese zehn Minuten sind sein ganzes Selbstbewusstsein. Danach trägt er das Grifo-Trikot nach Hause – nicht als Fan, sondern als Spieler.

Die liga, die sich selbst aussortiert

Die liga, die sich selbst aussortiert

Blau-Weiß Wiehre könnte in der Inklusionsliga spielen, wo jeder schon mal mitgemacht hat. Stattdessen wählt den Regelbetrieb, weil dort die Taktiken komplexer sind und die Niederlagen echter schmerzen. Heim: „Wir wollen keine Sonderwelt, wir wollen echselechte Gegner.“ Die Gegner lernen, dass Fairplay nicht bedeutet, den Schwächeren zu schonen, sondern ihm Raum zu geben, sich zu zeigen. Nach dem 3:2-Sieg schrieb der Gegner auf Instagram: „Wir haben verloren und trotzdem gewonnen.“

Die nächste Saison startet im August. Neue Kinder melden sich an, manche mit Diagnose, manche nur mit Wunsch. Die Warteliste ist lang, das Gelände klein. Der Verein sagt: Wir bauen kein Stadion, wir bauen Haltung. Die Trikots sind längst ausverkauft – nicht wegen des Designs, sondern wegen der Geschichte, die drinsteckt.

Am Rand steht Bruno, elf, und summt: „Wenn alle gleich wären, wäre’s langweilig.“ Er sagt es so leise, dass es lauter klingt als jede Siegesrede. Der Ball rollt weiter, die Tore fallen weiter – und keiner merkt, dass der eigentliche Sieger schon feststeht.