Berlinerin jagt lückenkemper: 7,18 sekunden sprengen den 60-meter-tempel

Philina Schwartz hat in Dortmund die Uhr gestoppt und die Konkurrenz abgehängt. 7,18 Sekunden über 60 Meter – das reichte zur deutschen Hallenmeisterschaft und zum ersten großen Ausrufezeichen der 19-Jährigen. Die Siegespose danach: ein Kapitänshaken an die Fans, ein Kinn nach vorn. So stolz, so selbstbewusst. So wie damals Gina Lückenkemper.

Das idol und die mission

„Jedes Mädchen will irgendwann an ihrer Stelle stehen“, sagte Schwartz nach dem Rennen in die Mikrofone der Sportschau. Gemeint ist Lückenkemper, Europameisterin, Diamond-League-Siegerin, Gesicht des deutschen Sprintens. Schwartz spricht nicht lange herum, sie sagt es knapp: „Ich will diese Rolle übernehmen.“ Kein Wunschdenken, sondern eine Kampfansage, die auf harten Daten basiert. Ihre Bestzeit über 60 Meter hat sie innerhalb eines Jahres um zwei Zehntel gesteigert, auf 7,16 Sekunden. Für die 100-Meter-Bahn hochgerechnet bedeutet das: 11-Sekunden-Schallmauer in Reichweite.

Technik statt talent allein

Technik statt talent allein

Vor fünf Jahren zog es die gebürtige Oberhausenerin nach Berlin, seit drei Jahren arbeitet sie mit Sprint-Coach Max Schnicke. Er ließ sie Startblöcke zerlegen, Armwinkel vermessen, Schrittfrequenz filmen. „Wenn man alte Videos neben neue legt, sieht man den Unterschied“, erklärt Schwartz. Ihre Schritte wirken nicht mehr wie nebeneinander gesetzte Hämmer, sondern wie ein durchgehend schwingendes Seil. Der Start ist ihre Waffe. Während Lückenkemper auf dem Platz oft noch einmal zündet, fliegt Schwartz aus den Blöcken wie ein Pfeil aus dem Kriegsbogen.

Torun als erste internationale feuerprobe

Die Hallen-WM in Polen (20. bis 22. März) ist keine Nebensache mehr. Dort trifft sie auf die internationale Elite, auf Jamaikanerinnen, Amerikanerinnen, Britinnen. „Erstmal Winter, dann WM“, sagt Schwartz. Kein Wort über Sommerziele, kein Blick über den Tellerrand. Die 19-Jährige redet wie eine erfahrene Profi-Frau: Saison für Saison denken, nicht alle Erfolgsstufen auf einmal erklimmen.

Medienrummel? bringt sie auch noch unter 7 sekunden

Mit dem Titel kommt die Aufmerksamkeit. Sponsoren, Interviews, Social-Media-Hype. Schwartz lacht, wenn sie zugibt, dass ihr manche Fragen noch unangenehm sind. „Ich übe jeden Tag, die richtigen Worte zu finden. So wie ich meine Schritte geübt habe.“ Der Vergleich ist kein Zufall. Für sie ist Kommunikation ein Trainingspensum, keine lästige Pflicht. Der Bubenglatz, der entspannte Spruch nach dem Lauf – das ist kein Marketing, das ist sie selbst.

Die Zeichen stehen auf Sturm. 7,16 Sekunden sind schon jetzt Weltklasse-Niveau. Wenn Schwartz im Sommer erstmals über 100 Meter unter elf Sekunden bleibt, wird niemand mehr von „Hoffnung“ sprechen. Dann wird der Begriff gesetzt: Nachfolge. Und Lückenkemper? Die wird sich warm anziehen müssen.