Benjamin karl springt vom board aufs rad – und will mit 44 wieder olympia
Er war der Älteste, der je auf Snowboard-Gold stand – und jetzt? Jetzt will Benjamin Karl mit 44 Jahren auf dem Cyclocrosser durchs Ziel donnern. Der 40-jährige Tiroler sagt seinem Parallel-Riesen-Board nach 25 Jahren den Kampf an und schaltet auf Schotter um. Los geht’s am 23. März. Dann tritt er nicht mehr in die Bindung, sondern in die Klickpedale.
Warum gerade cyclocross?
Karl lacht, wenn man ihn nach der Logik fragt. „Ich fühle mich wie 16, wenn ich an Matsch, Kurven und Sturzritte denke“, sagt er im ORF-Interview. Die Disziplin ist ruppig, kurz, explosiv – ein bisschen wie seine Parallelslalom-Läufe, nur mit mehr Schmiere und ohne Edel-Kanten. Ob Cyclocross 2030 tatsächlich olympisch wird, entscheidet das IOC am 24. Juni. Karl will startbereit sein, falls das Rennen auf dem Programm steht. Falls nicht, peilt er die Straße an – mit einem Haller-Kollegen im Rückenwind.
Plan A: Profistatus bei Tudor Pro Cycling, dem Schweizer Team von Marco Haller. Plan B: Continental-Rennen mit einem oberösterreichischen Publikumsteam. Karl weiß, dass er kein Teenager mehr ist. „Aber ich habe auch mit 38 noch Gold gewonnen, als alle sagten, es sei unmöglich“, knurrft er. Die Zahl spricht für sich: 25 Weltcupsiege, fünf WM-Titel, vier Olympia-Medaillen. Und trotzdem ist die Motivation nicht am Sättigungspunkt angelangt.

Die uhr tickt, der ruf der piste bleibt
Bevor er die Asphalt-Welt betritt, steht noch ein Abschiedsgastspiel an: am 22. und 23. März in Winterberg, beim Weltcup-Finale der Parallelslalomler. Zwei Rennen, dann endgültig Board gegen Rahmen. Karl schwärmt nicht von Romantik. „Ich will wissen, wie weit der Körper noch geht“, sagt er. Sein Trainingslager steht bereits: Wattmessgerät statt Kurvenradius, Ergometer statt Pulverschnee.
Der Wechsel ist kein Marketing-Gag. Er ist Teil eines Experiments, das Sporthistoriker später als „Cross-Season-Athletik“ abheften könnten. Denn Karl ist nicht der erste, der Wintersportlerleistung auf Sommercode übersetzt – aber er ist der erste mit 40 und einem kompletten Medaillenschrank. Die Frage ist nicht, ob er schnell genug wird. Die Frage ist, ob die Jury der Sportwelt einem Überflieger erlaubt, erneut zu starten.
Für Österreichs Sportförderung ist der Schritt ein Glücksfall. Endlich ein bekannter Name im Radsport, der nicht nur quer, sondern auch querfeldein fährt. Für die Fans ist er ein Sehnsuchtsprojekt: ein Altmeister, der nicht in Talkshows über seine goldene Vergangenheit referiert, sondern sich lieber mit Schmutz im Gesicht neu erfindet. Wenn er 2030 tatsächlich an der Startlinie in den französischen Wäldern steht, wird er 44 Jahre alt sein – und immer noch jünger als die Leute, die ihm erzählen wollen, was geht und was nicht.
