Bayern entführt belgrad-poker: obst versenkt roten stern in letzter sekunde

Kneipenlautstärke in der Kombank Arena, dann Stille, dann ein Aufschrei in Blau-Weiß. Andreas Obst traf aus der Ecke, verwandelte den Ausgleich, schob Sekunden später den 85:80-Endstand auf das elektronische Brett – und schickte Roter Stern mit einem blutroten Gesicht in die Kabine. Bayern München gewinnt in Belgrad, stoppt die Mini-Krise und hält den ohnehin zarten Play-off-Traum am Leben.

Svetislav pesic zockte auf risiko – und kassierte am ende den jackpot

Die Rechnung des Coaches war simpel: entweder ein Sieg oder ein beinahe aussichtsloses Restprogramm. Nach zwei Niederlagen gegen Baskonia und Olympiakos war der Druck auf dem zerfurchten Gesicht des Altmeisters abzulesen. Also drehte er an zwei Stellschrauben: kleines Line-up, hohes Tempo, Ballbewegung ohne Rücksicht auf Fehlwürfe. Er stellte Johannes Voigtmann als Stretch-Five auf Ognjen Dobric, ließ Cassius Winston die Zonenlinien zerreißen und verlangte von Andreas Obst, endlich wieder der Weltmeister zu sein, den die Statistik vermisst.

Bis zur 18. Minute sah es nach einer Demontage aus. 50:36 – die größte Führung des Abends. Doch der Balkan lässt Gäste selten ungeschoren. Stefan Markovic und Nate Wolters schalteten die Turbo-Foul-Version der Serben, zogen auf 75:78 davon. Pesic nahm eine Auszeit, die letzte, die ihm blieb, und warf seine Taktik-Tafel fast in die erste Reihe. „Wenn wir jetzt keine Dreier treffen, fliegen wir raus wie Touristen“, brüllte er in gebrochenem Deutsch-Englisch.

Antwort Obst: Dreier von links. Antwort Winston: Steal und Lay-up. Antwort Isaac Bonga: Block gegen Luka Mitrovic, danach verwandelter Fastbreak. 9:0-Run in 97 Sekunden, Taktik erledigt, Herzschlag auf 180.

Die tabelle lügt nicht – aber sie schweigt über moral

Mit 13:17 Bilanz bleibt Bayern auf Rang zwölf, zwei Siege hinter dem letzten Play-off-Fleck. Die Mathematik ist gnadenlos, das Restprogramm brutal: Fenerbahce, Real Madrid, Barcelona. Dennoch: Wer so etwas in Belgrad stemmt, traut sich auch die Quadratur des Kreises. Pesic sagte es im Mixed-Zone-Gewusel: „Wir haben heute gelernt, dass wir auch mit dem Messer zwischen den Zähnen tanzen können.“

Statistisch lieferte Obst 16 Punkte bei 4/7 von downtown, Winston 14 Assists, Voigtmann 11 Rebounds. Doch Zahlen erzählen nicht, wie laut 22.000 Menschen auf einmal schweigen können. Und wie laut 50 mitgereiste Bayern-Fans danach „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ skandierten – als gäbe es schon ein Endspiel-Ticket.

Am Freitag geht es nach Istanbul, wo Fenerbahce wartet. Dort wird sich zeigen, ob dieser Sieg ein Befreiungsschlag war oder nur eine letzte Zuckung. Die Mannschaft ist jedenfalls wieder in der Lage, sich selbst zu ertrinken – und das ist im Sport mehr wert als jede Tabelle.