Bastien kommt – vallecas kocht für die erste europanacht

Die Schlagzeilen schreiben sich von selbst: Ein französischer Schiedsrichter, der nie zuvor Rayo oder AEK pfiff, soll das Hexenkessel Vallecas in den Ausnahmezustand führen. Benoît Bastien, 42, bekommt den Auftrag, die erste Conference-League-Partie zwischen Rayo Vallecano und AEK Athen (Donnerstag, 18.45 Uhr MEZ) zu dirigieren.

Ein ungeschrieenes kapitel für den referee

Bastien tritt an, ohne jede Vorerfahrung mit beiden Klubs. Das ist kein Makel – es ist ein Experiment. Die UEFA vertraut ihm trotzdem, weil seine Vita auf Spannung programmiert ist: Er piff Atlético, Barcelona, Real Madrid. Drei Namen, die in seinem Notizbuch für Brisanz stehen wie sonst nur Gelb-Rot-Statistiken.

Doch Vallecas ist kein Estadio Wanda, keine Camp Nou-Kathedrale. Hier sitzt der Gegner im Nacken, die Hauswand ist nur drei Meter von der Auslinie entfernt, und die Kurve schmettert Lieder, die selbst Spanisch-Lerner verstehen. Bastien wird sich einmischen müssen, ohne sich einzumischen – ein Spagat für jeden Unparteiischen, der hier zum ersten Mal durchs Spielläufer-Tunnel tritt.

Old-trafford-ghost folgt ihm nach madrid

Old-trafford-ghost folgt ihm nach madrid

Spanische Fans erinnern sich. Februar 2021: Old Trafford, Real Sociedad gegen Manchester United. Bastien lässt einen klaren Handelfmeter folgenlos, pfeift Danach fouls an der Mittellinie, verpasst ein Foul an Merino im Strafraum. Die Donostiarras besprechen kurz, ob sie den Platz verlassen sollen. Kollege Yon Cuezva schrieb damals von einem „arbitrales Desaster“. Die Bilder kursieren noch in WhatsApp-Gruppen. Bastien wird sie nicht vergessen können – die Frage ist, ob Vallecas ihm das verzeiht.

Assistenten an den Seitenlinien sind Landsleute: Hicham Zakrani und Aurélien Berthomieu laufen, Jérémie Pignard fungiert als Vierter Offizieller. VAR-Kontrolle übernimmt der Belgier Bram Van Driessche, Bastien Dechepy sitzt ihm als Franco-Franzose zur Seite. Eine ganze gallische Brigade, bereit, griechische Dramen und spanische Flammen zu kontrollieren.

Die zahl, die zählt: 14.200

Die zahl, die zählt: 14.200

So viele Sitzplätze hat das Estadio de Vallecas. Kein einziger wird leer bleiben. Die Ticket-Plattformen kollabierten am Montag, Sekundenschnelle war das Restkontingent weg. Rayo-Fans nennen es „El Infierno Pequeño“, das kleine Inferno. Wenn Bastien hier pfeift, wird seine Pfeife nicht nur ein Spielgeräusch sein – sie wird ein Startsignal für ein ganzes Viertel Madrids, das endlich wieder internationalen Fußball atmen darf.

Die Franzosen in Schwarz müssen sich auf Schreie einstellen, auf Flugrollen, auf ein Stadion, das sich in die Zeit zurückträumt, als Rayo gegen Barça 4:0 gewann und Vallecas für eine Nacht die Welt bedeutete. Bastien kann Geschichte schreiben – oder zur Fußnote werden. Entscheidend wird sein, ob er diese 90 Minuten managt oder sie ihn managen.

Rayo-Coach Andoni Iraola hat seine Mannschaft auf „ganz normalen Fußball“ eingeschworen. Aber in Vallecas ist nichts normal. Die Motoren heulen schon, die Churros verkäufer verdoppeln die Produktion, und die Barra Brava probt seit Tagen neue Choreografien. Bastien muss nur noch pfeifen. Dann wird klar, ob der Franzose das spanische Sprichwort verstanden hat: „Quien va a Vallecas, vuelve convertido.“ Wer nach Vallecas geht, kommt als anderer zurück. Für ihn gilt das genauso wie für die Teams.