Anwalt packt aus: fußballfans werden systematisch entmündigt
René Lau hat keine Lust auf Beschwichtigungen. Der Berliner Strafverteidiger spricht im rbb-Interview Klartext: Fußballfans würden in Deutschland präventiv kriminalisiert, statt als vollwertige Bürger behandelt zu werden. Ein Verdacht, der seit Jahren durch die Tribünen geistert – nun kommt er aus dem Munde eines Juristen, der seit drei Jahrzehnten Fan-Rechte vertritt.
„Humbug“ statt gespräch
Lau nennt es „Humbug“, wenn Politiker und Polizeigewerkschaften das Bild zeichnen, Stadien seien rechtsfreie Räume. Die Wahrheit: 70.000 Menschen versammeln sich, und nichts passiert – das gibt es nirgends. „Beim Volksfest in München brennt auch jedes Jahr ein Dutzend Bierzelte ab. Keiner fordert daraufhin ein Alkoholverbot auf der Wiesn“, sagt er. Der Unterschied: Fußballfans gelten als verdächtig, sobald sie sich in Gruppen bewegen.
Beispiel Auswärtsfahrt: Schon am Hauptbahnhof werden Anhänger in Busse verfrachtet, von Beamten umzingelt, durch die Stadt eskortiert. „Ohne dass sie etwas getan hätten. Das ist präventive Grundrechtsentziehung“, so Lau. Artikel 2 des Grundgesetzes – Freiheit der Person – werde ausgehebelt, weil Behörden „Risikominimierung“ mit „Risikobeseitigung“ verwechseln.

Pyrotechnik: die große panikmache
Zünden von Bengalos? Lau lacht. „Die Jungs auf dem Zaun achten penibel darauf, dass keiner verletzt wird. Der vielzitierte Vater mit seinen Kindern sitzt 80 Meter entfernt im Familienblock.“ Dennoch kassierten Aktivisten regelmäßig drei Jahre Stadionverbot – für eine Handlung, die in der Gerichtspraxis seltener verurteilt wird als Schwarzfahren. Die Folge: Ein Verein wie der BFC Dynamo verliert jedes Jahr mehrere zehntausend Euro an Sicherheitsauflagen, während die eigentlichen Gewalttäter oft gar nicht in den Kurven stehen.

Stasi-vorwurf und rechtes image – ein verein kämpft gegen seine vergangenheit
Lau ist seit Jahrzehnten Mitglied beim BFC Dynamo. Er leitet die Mitgliederversammlung, sponsert Jugendmannschaften. Dennoch hört er auf Auswärtsfahrten immer noch Rufe wie „Stasi-Schweine“. „Unschuldig ist der Klub, weil kein Spieler etwas dafür kann, dass Erich Mielke einmal Präsident war“, sagt er. Rechte Umtriebe? „Wer das behauptet, soll ins Hohenschönhausen kommen. Dann sieht er, wer wirklich das Sagen hat: Eltern, Kinder, Menschen mit Migrationshintergrund – ein Querschnitt Berlins.“

Die bilanz nach 30 jahren fan-verteidigung
Lau zählt keine Siege, sondern verhinderte Niederlagen. Etwa 2.000 Stadionverbote konnte er in die Schublade „aufgeschoben“ sortieren, 150 Haftstrafen in Bewährung umwandeln. Die größte Leistung: „Ich habe verhindert, dass Jugendliche wegen eines Fahnenschwenkens im Lebenslauf den Eintrag ‚Gewalttäter‘ tragen.“ Trotzdem bleibt ein Gefühl: Die Debatte dreht sich im Kreis. Solange Politik und Medien Bilder von brennenden Blockfahnen lieber als Quotenthema nutzen, statt über proportionale Sicherheit zu sprechen, wird sich an der Stigmatisierung nichts ändern.
Sein Fazit fällt knapp aus: „Wer als Fan behandelt wird wie ein Verbrecher, braucht keinen Anwalt – er braucht eine Gesellschaft, die endlich erwachsen wird.“
