Antonelli schießt in shanghai los – und träumt schon von tomba
19 Jahre, erster Sieg, erste Träne. Kimi Antonelli stand auf dem Podium von Shanghai, die italienische Fahne über den Schultern, und suchte unten nach dem Mann, der ihn einst mit einem Kettensatz auf dem Aschheimer Parkplatz schalten lehrte: Papa Marco. „Ich habe ihn geweint gesehen, und dann habe ich es auch nicht mehr geschafft“, sagte der Mercedes-Junior, nachdem er als erster Italiener seit Giancarlo Fisichella 2006 eine Formel-1-Runde angeführt hatte.
Ein bologneser schreibt geschichte – und will den nächsten idol treffen
Die Stopwatch zeigte 1:35,435 Minuten, die Zeitmaschine lief parallel. Im Kopf des 19-Jährigen ratterten Bilder von 2008: er fünf Jahre alt, Kartreifen statt Pirelli, Vater Marco mit der Schutzbrille am Streckenrand. „Manchmal glaube ich, er hatte mehr Angst als ich“, sagt Antonelli, „aber er hat nie die Bremse gezogen.“ Stattdessen organisierte der Bauunternehmer aus Bologna Testtage, bezahlte Hotelrechnungen, schraubte Nächte durch. „Ohne ihn wäre ich heute ein Student mit Motorsport-Twitch-Kanal, nicht mehr.“
Der Lohn kam in Shanghai. Als die rote Lampe erlosch, riss Antonelli nach 14 Kurven die Führung an sich und gab sie nicht mehr her. Teamchef Toto Wolff funktelte hinter der Boxenmauer: „Kimi hat die Strategie mit einem einzigen Satz zusammengefasst: ‚Lass mich einfach fahren.‘“ Der Brite, der den Jungen vor zwei Jahren aus der Formel-4-Küche zog, schickte ihm per Funk nur ein Wort: „Grande.“
Nach der Zieldurchfahrt ging es nicht um Aerodynamik oder Motorenleistung, sondern um geografische Koordinaten. „Ich will Alberto Tomba treffen“, sagte Antonelli dem Corriere dello Sport. Der Slalom-Kaiser aus den 90ern, ebenfalls Sohn Bolognas, wurde zur Comicfigur, weil er Tore vor dem ersten Tor einnetzte. „Tomba ist keine Legende, er ist ein Kapitel unserer Stadtgeschichte. Wenn ich ein Autogramm von ihm bekomme, packe ich es neben den ersten Helm.“

Mercedes wurde zur ersatzfamilie, aber die echte steht vor der tür
Im Februar 2025 rückte Antonelli in die Garage, die Lewis Hamilton seit 2013 geprägt hatte. Statt Ritterschlag gab es kalte Daten: 1.000 km Simulator, 80 Seiten Setup-Protokoll, ein Vertrag bis 2027 mit Optionsklausel. „Ich habe gedacht, die Jungs würden mich als Praktikanten behandeln“, sagt er. „Stattdessen haben sie mir am ersten Tag schon die Reifenwärmer weggenommen und gesagt: ‚Zeig, was du kannst.‘“
Der Sieg in China war keine Eintagsfliege. Er war die Antwort auf Zweifler, die einen 18-Jährigen im Silberpfeil für Marketing-Gag hielten. „Wir sind auf dem richtigen Weg, aber er ist noch lang und steil“, sagt Antonelli und klingt dabei wie ein Skilehrer, der gerade die Talabfahrt erklärt. Nächste Station: Suzuka, wo die Kurven 130R und Dunlop ihn fragen werden, ob Shanghai Glück war oder Beginn einer Ära.
Und Papa Marco? Der steht wieder am Streckenrand, diesmal mit einer Kiste Lambrusco und einem Handy voller Fotos. „Er wird mich anrufen und sagen: ‚Bravo, aber vergiss nicht, dass du die Rechnung für neue Karts noch nicht bezahlt hast.‘“ Antonelli lacht, zieht die rote Kappe tiefer. „Das ist mein echtes Podium. Der Rest ist nur Asphalt.“
