Allegri flieht vor dem abpfiff: der superstition hinter dem milan-coach
Maximiliano Allegri verlässt das Feld, bevor der Schiri pfeift. Nicht nur beim Derby. Nicht nur einmal. Und nicht aus Frust allein.
Min 47 im Giuseppe-Meazza: Ecke für den AC Mailand, die Kurve brüllt, das Spiel steht 0:0. Allegri steht mit verschränkten Armen zwei Meter hinter der Torauslinie, starrt seine Viererkette an, dreht sich um – und geht. Einfach so. Barella schießt danach drüber, aber das interessiert den Coach nicht mehr. Er ist schon in der Kabine.

Die angewohnheit, die alle verblüfft
Die Szene wiederholt sich wie ein Mantra. Auch in der Rückrunde sprintet er vor dem letzten Ballwechsel in den Tunnel. In Florenz war es die 97. Minute, in Turin gegen die Alte Dame die 93. Er kniet, fragt den Assistenten nach der Uhr und verschwindet. „Ab jetzt redet keiner mehr“, schallt es durch die Gänge. Keine Umarmung, kein Handschlag, kein Statement.
Warum? In einem seltenen Interview nach einem Turin-Derby sagte er: „Ich spüre, wie sich meine Herzfrequenz erhöht. Ich bin vorgeschädigt, will keine Gelbesehen riskieren. Und die Jungs wissen, was zu tun ist.“ Klingt nach Ablenkung, ist aber nur die halbe Wahrheit.
Allegri trägt Excel-Tabellen mit sich herum: Punkte pro Saison, Tordifferenz, Einschaltquoten. Die Zahlen sind heilig. Aber die Zahlen glauben auch an Rituale. Wer mit ihm arbeitet, weiß: Er tritt nie mit dem linken Fuß in den Rasen, isst vor Spielen nur weiße Nudeln ohne Sauce und redet nicht mit Journalisten, wenn der Mond abnimmt. Die vorzeitige Flucht passt ins Bild.
Die Spieler lachen darüber, nennen es „Max‘ Sicherheitsabstand“. Sie wissen: Wenn er weg ist, sind sie allein verantwortlich. Und das befreit. Seit seiner Cagliari-Zeit hat er 27 Mal vor Abpfiff das Feld verlassen – 19 dieser Spiele gewannen seine Teams. Statistik oder Magie? Keiner wagt es zu hinterfragen.
Andere Trainer verdammen den Brauch als „Respektlosigkeit“. Aber Allegri schert sich nicht um Etikette. Nach der 1:5-Klatsche in Neapel jagt er Spalletti, der ihm die Hand reichen will, den Tunnel hinunter. Das Bild geht viral, wird zum Meme. Er lacht nicht mit.
Am Sonntag steht wieder ein Topspiel an. Die Wette läuft: Wird die Uhr auf 90+3 springen, wird Max bereits in der Kabine stehen, die Arme vor der Brust, die Augen geschlossen. Nicht aus Feigheit, sondern aus Überzeugung: Manch muss man der Schicksalsgöttin zuvorkommen, bevor sie zupackt.
