Aicher jagt shiffrin: 140 punkte trennen deutschland vom coup
140 Punkte. Vier Rennen. Ein Name: Emma Aicher. Die 22-Jährige aus Berchtesgaden hat die Königin des Skisports, Mikaela Shiffrin, im Visier – und mit ihr die große Kristallkugel, die es für Deutschland seit Maria Höfl-Riesch 2012 nicht mehr gab.
Die jügerin und die fliegende holländerin
Aicher ist keine Aufsteigerin mehr. Sie ist längst diejenige, die anderen den Atem nimmt. Drei Siege in dieser Saison, vier Slalom-Podeste, eine Angriffslust, die selbst die Stahl-Quadmuskeln von Lindsey Vonn erzittern ließ. Jetzt steht sie vor der letzten Schrecksekunde des Winters: vom 20. bis 22. März in Åre geht’s um alles – und um nichts, wenn sie einen Fehler macht.
Die Rechnung ist simple. Shiffrin muss in Schweden erstmals seit 2018 in einer Speed-Disziplin starten, sonst verliert sie 100 Punkte. Aicher hingegen darf in allen vier Bewerben punkten. „Ich fahre, bis der Helm qualmt“, sagte sie nach dem Slalom-Podest in Are. Die Bahn dort ist ihr Liebling: steil, eisig, unversöhnlich – genau wie sie selbst.

28 Punkte trennen sie vom roten trikot
Noch enger wird es im Kampf um die Abfahrtskugel. Laura Pirovano aus Italien führt mit 28 Punkten – ein Hauch, eine halbe Sekunde, ein Stein im falschen Moment. Dazu kommt Kira Weidle-Winkelmann, die in der Hinterhand lauert. Wenn Aicher und Pirovano straucheln, könnte die Bad Wiesseerin mit einem Sieg die Queen werden. Drei Deutsche auf dem Treppchen? Möglich. Unwahrscheinlich. Aber möglich.
Die Athleten nennen es „Norwegen-Bluff“. Wer in Åre zuerst die Linien findet, gewinnt. Wer zögert, fliegt auf Platz 15. Die Wetter-App zeigt minus 18 Grad an und Schneefall ab Samstag. Perfekt für Aicher, die auf Eis aufwuchs – und ein Albtraum für Shiffrin, die lieber Karussell fährt als Karussell.

Snowboardcross, skicross, skispringen – das letzte bier im fass
Leon Ulbricht trägt bereits Gelb, doch Gelb ist im Snowboardcross nur ein Stofffetzen. Ein Punkt Vorsprung auf Chollet, 42 auf Lambert – das ist keine Statistik, das ist ein Startgebet. Ulbrichts Trick: Er trainiert mit Motorcross-Bikes, um die Starts zu schärfen. „Wenn ich Gas gebe, spüre ich die 1200 Kubik unter mir – und dann fühlt sich das Brett wie ein Spielzeug an.“
Daniela Maier hingegen muss 165 Punkte aufholen. Vier Rennen, zwei Länder, ein Ziel. Sie lachte, als sie das hörte: „165? Das sind zwei Siege und ein paar Zähnchen.“ Die Bayerin kennt die Druckkochtopf-Atmosphäre von Idre Fjäll – dort wurde sie 2020 zur Königin gekürt. Näslund hat die Lungenkapazität eines Elchkalbs, aber Maier hat die Erfahrung einer Frau, die schon alles verlor und zurückkam.
Bei den Skispringern hängt der Nationencup an einem seidenen Faden. 801 Punkte Rückstand auf Platz drei – das klingt nach Mission Impossible, aber Planica ist bekannt für ihr Chaos. Ein Teamwettkampf, Windböen, ein verrückter Montag. Philipp Raimund sagt nur: „Wir springen, bis die Kugel rollt.“

Was bleibt, wenn der schnee schmilzt
Franziska Preuß wird die Top Ten nicht mehr erreichen. Nathalie Armbruster wird nicht mehr Siegerin werden. Aber das ist okay – Sport ist kein Rentenkonto. Die Saison 2025/26 wird in die Geschichte eingehen als die, in der Emma Aicher Shiffrin das Fürchten lehrte, in der Ulbricht mit einem Punkt reiste und Maier mit 165 aufholte. Oder eben nicht.
Am 22. März, kurz vor Mitternacht, stehen die Athleten auf der Zielgeraden. Dann wird klar, ob Deutschland drei Kristallkugeln gewinnt – oder keine. Bis dahin gilt: Wer zuerst träumt, verliert. Wer zuletzt träumt, gewinnt. Und Aicher? Die träumt laut. „Ich will, dass am Ende mein Name auf der Kugel steht.“ Die Kugel ist bereit. Die Frage ist nur, wer sie am Sonntag in die Heimat trägt.
