Abschied mit kratzern: zoggs letztes rennen wird zur zitterpartie
Die Parallelriesen des Schweizer Snowboards verabschieden sich nicht mit Gold, sondern mit schiefen Bahnen und vier Hundertstel Frust. Julie Zogg verpasst in Berchtesgaden das Podest, zwei Kolleginnen fliegen schon in der Quali raus – und hinterlassen eine Lücke, die man nicht mal mit Startnummern füllen kann.
Julie zogg verliert das kleine finale – und damit die 44
33 Jahre, 43 Weltcuppodeste, ein Olympia-Aus im Viertel und nun dies: 0,04 Sekunden fehlen im Rennen um Rang drei gegen die Italienerin Elisa Profant. Zogg schlägt mit der Hand auf die Schneewand, atmet tief durch und lacht trotzdem. „Ich wollte den Abschied nicht in Tränen ertränken“, sagt sie, „aber dass es so knapp wird, das zerrt.“ Ihre Linie war schneller als je zuvor in dieser Saison, die Kante schärfer, die Hip-Turns enger. Doch Lucia Dalmasso, die spätere Siegerin, legt sich in der Halbfinale-Spur einfach quer – und Zogg muss ausweichen. „Da war nichts mehr zu holen, nur noch zu verlieren.“
Die 44 wäre ein Schweizer Rekord gewesen, kein Schweizer Snowboarder jemals hatte so viele Podeste gesammelt. Jetzt bleibt die 43 stehen – eine Primzahl, die wie ein offenes Ende klingt.

Keiser und caviezel: quali-debakel statt festival
Während Zogg noch um Medaillen kämpft, sitzen Jessica Keiser und Ladina Caviezel schon in der Kabine und reissen die Binden von den Boards. Keiser wird 31., Caviezel 23. – beide erreichen nicht mal die Top-16, die in die Finals einziehen. „Die Piste war nicht schuld“, sagt Keiser, „ich habe einfach nichts gerissen, null Rhythmus.“ Caviezel nickt nur, sie hat Tränen in den Augen, will aber keine Show abliefern. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir uns wenigstens in der Runde verabschieden, nicht schon in der Quali.“
Dahinter folgt die Next-Gen-Pleite: Ricarda Hauser (22.) und Xenia von Siebenthal (19.) patzen ebenfalls. Flurina Bätschi rettet ins Achtelfinale, aber auch sie scheitert. Die Konsequenz: In der Schweizer Damen-Parallelwelt herrscht ab nächster Saison Vakuum. „Wir haben Talente“, sagt Sportchef Beat Hegner, „aber die müssen jetzt dreimal so schnell reifen, sonst wird es dünn.“

Männer ohne maske: caviezel und casanova fallen durchs raster
Bei den Männern gibt es ohnehin nichts mehr zu retten. Dario Caviezel qualifiziert sich zwar als Siebter, verliert dann aber schon im Achtelfinale gegen einen Russen, der sich selbst „nicht mal sicher war, wo die Grenze zum Foul liegt“. Gian Casanova schafft die Quali gar nicht, landet auf Rang 37 – sein schlechtestes Resultat seit fünf Jahren. „Ich habe mein ganzes Leben auf diesen Sport gesetzt“, sagt er, „und heute habe ich nicht mal mein Board verstanden.“
Die Schweizer Männer-Parallelcrew wird nächste Winter komplett neu gezeichnet. Kein Veteran, kein Podestrückläufer, nur noch Zahlen in einer Excel-Tabelle. Die Fans fragen sich: Wer soll die Lücke füllen, wenn nicht mal die eigenen Namen mehr Lärm machen?
Was bleibt, ist ein loch – und ein bild von julie zogg
Nach dem Rennen steht Zogg noch lange am Zaun, signiert Autogrammkarten, lässt sich mit Kindern fotografieren. „Ich nehme die 43 mit“, sagt sie, „und die Geschichte dahinter.“ Dann dreht sie sich um, geht Richtung Bus, lässt die Silhouette gegen die Abendsonne tanzen. Einmal noch winkt sie – und verschwindet.
Die Schweizer Snowboard-Welt verliert an einem einzigen Tag vier Gesichter, aber vor allem verliert sie eine Ära. Die Nachfolger haben Sommer, um sich zu erfinden. Die Uhr tickt lauter als je zuvor.
