Abascal zerreißt den mythos: „mein größter pokal kam aus zaragoza, nicht aus l.a.“
José Manuel Abascal stellt sich ins Scheinwerferlicht und pustet die Stille weg: Die olympische Bronzemedaille von 1984, die Spanien den ersten Podestplatz über 1.500 m seit Jahrzehnten bescherte, sei nur ein Metallstück. „Mein echter Olympia-Pokal steht im Regal über dem Sofa, ein krummes Holzschild aus der Schulmeisterschaft Aragoniens, 1976“, sagt er. Das sagt alles.
Der tag, an dem ein lorenz-lehrer ihn entdeckte
Abascal war damals 15, frisch aus dem Pas-Tal nach Zaragoza geschickt, weil seine Eltern nach Holland auswandern mussten. Jeden Morgen vier Uhr auf, Kühe melken, dann sieben Kilometer mit quietschenden Schuhen zu den Salesianos laufen. Genaro Bujeda, Lehrer und Hobbytrainer, stellte ihn an die Startlinie eines Crosslaufs – und der Junge vom Land sprengte das Feld. „Er gab mir die Holzplatte mit den Worten: ‚Das ist deins, du hast es dir erarbeitet, Leichtathletik ist individuell.‘ Das habe ich verstanden: Niemand kann dir deine Schritte abnehmen.“
Zwei Jahre später saß er bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles im Interviewraum, Bronze um den Hals, und dachte an dieses Schulturnier. Die Medaille war Weltgeschichte, sein Herz aber blieb in Zaragoza hängen.

„Spartanisch, hart, ehrlich – so wuchs ich auf“
Im Pas-Tal lebte die Familie von den Weiden und Kühen. Mit zehn wurde Abascal zurückgelassen, zusammen mit zwei Brüdern, während die Eltern mit den älteren Schwestern in die Niederlande zogen. Monatelang schlief er beim Nachbarn im Waschkeller. „Diese Einsamkeit härtete mich ab. Keine Taktik, nur reine Willenskraft“, erzählt er.
Jetzt, vierzig Jahre später, stellt er in Valladolid sein Buch „La forja de un campeón. Del Pas a Los Ángeles“ vor, geschrieben von Jesús Herrán Ceballos und Julio Ruiz. Keine Leistungsdaten-Chronik, sondern ein Loblied auf Disziplin, Ausdauer, Demut. „Ich wollte keinen Sport-Bestseller, sondern eine Warnung an jene, die glauben, Erfolg käme per App.“

Die botschaft, die niemand hören will
Abascal schaut in die Runde, wo Jugendliche mit Energy-Drinks und 5G-Signal sitzen. „Ihr habt Tablets, ich hatte Holzlatten. Aber diese Latten haben mich bis nach Los Angeles getragen.“ Er lacht, dann wird es leise. „Wenn ihr nur wisst, wie viele Nächte ich in Zaragoza heimlich das Kreuz über dem Bett angefasst habe und gefragt habe, ob ich es schaffe. Die Antwort war immer dieselbe: Hol dir deinen Pokal, ganz gleich, aus welchem Material er ist.“
Die olympische Bronzemedaille liegt inzwischen in einem Kästchen, verstaubt und verkratzt. Der Holzschild schimmert unterm Wohnzimmerlicht. 1,3 Millionen Spanier haben die 1.500-m-Bronze 1984 im Fernsehen gesehen. Nur Abascal weiß, dass die wahre Ziellinie damals auf einem matschigen Schulhof lag.
