89-Jährige dorle reist 700 km, um fremde läufer zu tränken

Sie steht um 6 Uhr auf, pumpt 100 000 Becher voll, friert, lacht – und ist 89. Dorle Meironke aus Freiburg fährt jedes Jahr 700 Kilometer, um beim Berliner Halbmarathon Wasser, Tee und Isotonik in fremde Hände zu entladen. Warum? Weil sie dort ein Lächeln kassiert, das kein Fitnessstudio der Welt zu bieten hat.

Von der tribüne in die tonne

Vor zehn Jahren saß sie noch in der Kurve am Kurfürstendamm und klatschte. Dann kippte der Blick: Statt auf die Joggingschuhe richtete sie sich auf die Helfer, die mit sicherem Handgelenk Getränke abfeuerten. „Das will ich auch“, sagte sie zu ihrer Tochter. Die meldete sie an – vor vier Jahren. Seither tickt der Marathon-Kalender der Rentnerin anders: Frühling bedeutet Berlin, Herbst bedeutet Berlin, Pavillon 23, Verpflegungspunkt Kilometer 15.

Drauf und drauf und drauf – so beschreibt sie den Ablauf. Pro Becher 100 bis 150 Milliliter, pro Läufer zwei Griffe, damit genug Flüssigkeit trotz Verschütt bleibt. Die Hand muss ruhig sein, der Blick auf den Namen. „Hallo Peter! Lauf weiter, Michael!“ 50 000 Mal pro Wettbewerb. Die Antwort: Dank, Daumen hoch, manchmal ein „Ihr seid einmalig“. Meironke spürt Gänsehaut, obwohl sie in dünner Jacke steht.

Sturmregen ist nur ein extra-shot

Sturmregen ist nur ein extra-shot

Kalte Füße? Schon mit 80 hatte sie die. „Wir standen im Sturm, im Regen, im Schneegestöber. Das macht uns nichts.“ Die Statistik kennt sie nicht, aber die Organisatoren wissen: Ohne die 2 000 Freiwilligen würde kein Läufer die Zielmatte berühren. Meironke ist die lebende Visitenkarte der Helferkultur – ehrenamtlich, launisch, legendär.

Im ICE zurück nach Freiburg trägt sie die blaue Volunteer-Jacke. „Haben Sie mitgelaufen?“ „Nein, ich habe Getränke ausgegeben.“ Lob garantiert. Ein Mal probierte sie joggen, auf dem Möslesteg in Freiburg. Nach 200 Meter drehte sie um. „Laufen ist nicht mein Sport. Schenken schon.“

Die uhr tickt, der kessel brodelt

Die uhr tickt, der kessel brodelt

Ärzte sagen, sie solle langsamer machen. Sie lacht, greift zum Schneebesen und rührt 40 Liter Isotonik um. „Ich schaue, wie lange es gesundheitlich geht.“ Nächster Stopp: 27. September, Berlin-Marathon. Dann ist sie 90. Die Becher halten, die Hände auch – und das Lächeln erst recht.