70 Jahre ulrike meyfarth: als 16-jährige über 1,92 m – und plötzlich war sie deutschlands größter teenie-star

Montag wird sie 70, doch die Zahl, die bleibt, ist 1,92. Genau diese Höhe sprang Ulrike Meyfarth 1972 in München, 16 Jahre alt, noch in der Schule, noch ohne Leichtathletik-Bundesstützpunkt im Rücken. Ein Sprung, der sie über Nacht zum Phänomen machte – und der bis heute jede Diskussion über jugendliche Spitzenleistung entzündet.

Warum gerade diese goldgeneration 1972-1988 nie ganz losgelassen hat

Meyfarth war nur die Spitze eines Eisbergs. Zwischen 1972 und 1988 lieferten sich deutsche Sportlerinnen und Sportler ein Wettrüsten der Superlative: 15 Jahre alt holte Maxi Gnauck am Stufenbarren Gold, 17 schwamm Roland Matthes Doppel-Olympiasieg, 17 schlug Boris Becker auf dem Centre Court Kevin Curren in vier Sätzen. Die DDR lieferte dabei die systematische Seite, der Westen das Marketing-Feuerwerk. Das Gemeinsame: Sie alle waren Kinder, die plötzlich Erwachsenen-Biografien schrieben.

Die Mechanik solcher Karrieren ist rücksichtslos. Meyfarth erinnert sich an „wäschekörbeweise Fanpost“, an Nachhilfe in Turnhallen, daran, dass sich ihre Klassenlehrerin fragte, ob sie überhaupt noch regulär die 11. Klasse schafft. „Zum Idol macht man sich ja nicht, sondern wird dazu gemacht“, sagt sie heute. Dieselbe Phrase könnte Katarina Witt unterschreiben, die mit 18 in Sarajevo drei Dreifachsprünge landete und sofort zur PR-Ikone wurde. Oder Steffi Graf, die 1987 Martina Navratilova in Roland Garros nach 3:06 Stunden besiegte – und anschließend den Elternberater in sich entdeckte, weil plötzlich alle vom Geld wollten.

Das märchen hat zwei seiten

Das märchen hat zwei seiten

Die Medaillen glänzen, doch die Kosten bleiben im Schatten. Franziska van Almsick war 15, als sie 1993 sechs EM-Titel holte; 20 Jahre später sprach sie von „verpassten Jugendjahren“, von permanenter Angst, das nächste Training zu verpassen. Auch Anja Fichtel, 17 und Florett-Weltmeisterin, erzählte, wie sie nach dem Finale in Sofia erst mal heimfuhr und in der Schule Französisch nachschreiben musste. Die DDR-Kaderberichte nennen das „Leistungskonzentration“, die Betroffenen nennen es „Tunnel“.

Die Zahlen sprechen trotzdem für sich: Zwischen 1972 und 1993 holten deutsche Sportler unter 18 Jahren 14 olympische oder weltmeisterliche Goldmedaillen – ein Schnitt von fast einer pro Jahr. Kein anderes Land bringt so viele Jugendliche an die Spitze. Dahinter steckt ein System, das schon in Grundschulen Talent-Scouts stationierte, das 12-Jährige in Internate steckte und das Wort „Nachwuchs“ buchstäblich nahm: nachwachsen, bis der Körper bricht oder der Rekord fällt.

Meyfarths zweites leben

Meyfarths zweites leben

1984, in Los Angeles, sprang Meyfarth erneut Gold – diesmal mit 28, mit Studium, mit Selbstbestimmung. Der Bogen von 16 bis 28 ist der Beweis, dass man jugendliche Spitze auch überleben kann. Doch sie ist die Ausnahme. Maxi Gnauck beendete mit 18, Roland Matthes war mit 24 schon „Altstar“, Boris Becker schaffte es, sein Image bis heute zu kapitalisieren, aber auch er sprach von „Burn-out mit 25“.

Heute, da Darja Varfolomeev mit 17 Olympiasieg feiert und sofort Influencer-Millionen kassiert, fragt sich der Sport, ob er aus der Geschichte lernt. Meyfarth hat die Antwort schon vor 38 Jahren gegeben: „Ich wollte nur springen. Der Rest war Lärm.“ Am Montag feiert sie ruhig. Keine Show, keine Gala. Nur ein Sprung im Kopf – 1,92 Meter, für immer.