38-Jahre, kreisliga, 80 tore: bulut aksoy jagt deutschlands absurde torjägerkrone
Kein Haaland, kein Kane, kein Füllkrug – Deutschlands eigentlicher Bombenstürmer trägt in dieser Saison keinen Profi-Vertrag, dafür die Nummer 9 des FSV Duisburg II. Bulut Aksoy schoss in der zehnten Liga bereits 80-mal ein. Die Spitze der "Torjägerkanone für alle" führt ein Triumvirat aus derselben Stadt an, die nie für Torschützenkönige stand: Duisburg.
Die nacht, in der der traum zerbarst
2005 stand Aksoy in Kopenhagen mit dem Adler auf der Brust neben Boateng und Khedira. 18 Jahre alt, NLZ Gladbach, U-19-Bundesliga-Stammkraft – die Bundesliga lag auf dem Teller. Dann riss der Torhüter ihn mit, Bauchraum offen, Intensivstation, Not-OP. "Ich wollte nur wieder laufen, Vertrag war egal", sagt er heute. Die Berufsgenossenschaft bot ihm später eine Umschulung an – Kodewort: Karriere aus.
Die Amputation war nur ein Satz entfernt. 2007 diagnostizierte ein Clubarzt einen "Muskelfaserriss", schickte ihn nach zehn Tagen wieder aufs Feld. Es war ein kompletter Muskelriss, die Einblutungen verkämmerten. "Dr. Braun vom BVB hat mir das Bein gerettet", erzählt er nüchtern. Seitdem trägt er eine 30-Zentimeter-Narbe und eine Schiene, wenn er morgens aufsteht.

183 Tore, tabellenplatz 3 – die duisburger phänomen-liga
FSV II, Sportfreunde Walsum III, ESV Grün-Weiß Roland – die drei besten Stürmer Deutschlands unterhalb der Regionalliga wohnen maximal acht Kilometer voneinander entfernt. Gemeinsam erzielten sie 192 Tore, mehr als manche komplette Staffeln. "Am Leitungswasser liegt's", scherzt Aksoy, trinkt aber lieber Cola nach dem Spiel. Seine Gründe sind simpler: "Wir spielen alle seit zehn Jahren zusammen, kennen uns aus der Stadtteilhalle. Man sieht vor dem Pass schon, wo der Kollege läuft."
Dabei ist der FSV nicht einmal Herbstmeister. Walsum ist es, mit Omar Nemr (54 Tore), der ihm auf Instagram schreibt: "Hör endlich auf zu treffen!" Als Antwort schoss Aksoy am Wochenende zehn. Die 100-Marke schwebt über ihm wie ein Kreisel. "Das war nie ein Thema, jetzt ist es alles", sagt er und schaut auf die Tabelle, die in seiner Garage ausgedruckt hängt.

Stefan fischers kommentar
Ich habe Bundesliga-Stürmer gesehen, die nach drei Großchancen den Kopf hängen ließen. Aksoy trifft am Samstag dreimal und fragt nach dem Abpfiff, ob noch Bälle im Kofferraum sind. Seine Geschichte erinnert daran, dass der Fußball nicht nur Talent, sondern auch Glück verlangt – und dass eine Kreisliga-Kanone mindestens so viel Respekt verdient wie ein Europacup-Hattrick. Wenn er Mitte Mai die 100 knackt, schreibe ich wieder. Dann aber nicht über die Zahl, sondern über den Mann, der nach jedem Tor sein rechtes Bein kurz streckt, damit die Narbe nicht schmerzt.
