123 Minuten rosenheim: kindopp beendet den irrsinn und schreibt del2-geschichte

Um 23.46 Uhr krachte es. Bryce Kindopp schob die Scheibe über die Linie, 4.425 Kehlen im ROFA-Stadion kollabierten gleichzeitig, und die DEL2 hatte ihr bisher unwirklichstes Kapitel. 122:35 Minuten hatte der Puck vorher über Eis gejagt – so lange wie nie zuvor im deutschen Zweithockey.

Die nacht, in der die uhr versagte

Es begann als harmloses Play-off-Viertelfinale, endete als Marathon der Nerven. Starbulls-Coach Steffen Schauer wechselte die vierte Reihe aus, weil niemand mehr Beine hatte; Regensburgs Assistenz Peter Kathan zählte stattdessen Torwart Jonas Neffins Schoner – 73 Schüsse blockierte der 26-Jährige, bevor ihm selbst die Statistik ausging. Christopher Kolarz gegenüber zog 58 Paraden, und trotzdem stand er am Ende als Verlierer da. Die Wandertrophäe für „Spieler des Spiels“ bekam niemand, weil niemand mehr laufen konnte, um sie abzuholen.

Die Dramatik entzündete sich an einer einzigen Sekunde. 59:26 stand es 5:3 für Rosenheim, Samuel Payeur schwang sich noch einmal zum Angriff, traf, und 34 Sekunden vor der Sirene flog er erneut – 5:5. Die Starbulls hatten fünf Minuten vorher noch gejubelt, nun rutschten sie in die erste von vier Overtimes. Dort ging nichts mehr außer Schlittschuhschaben und dem dumpfen Gefühl, dass hier jemand unbedingt sterben müsse, ehe ein Puck das Netz traf.

Kindopp trifft – und trifft doch nur halb

Kindopp trifft – und trifft doch nur halb

Die 122. Minute war ein Rebound-Gestammel. Neffin hatte einen Schuss von Maximilian Kislinger abgewehrt, der Puck sprang nach links, und Kindopp schob ein, als hätte er nur auf den Zug gewartet. Die Aktion dauerte keine zwei Sekunden, die Erlösung war so heftig, dass selbst die Regensburger Bank erst einmal stumm blieb. Dann brach das Kollektivkoma: Spieler fielen sich um den Hals, Physiotherapeuten suchten nach Krämpfen statt nach Siegesgründen, und in der Halle hing der Geruch von Benzin und Schweiß – wie nach einem Boxkampf, nur auf Kufen.

Die Zahlen sind ein eigenes Monster: 213 Spielminuten inklusive Unterbrechungen, 97 Schüsse auf das Tor der Starbulls, 87 auf das der Eisbären, zwei Strafzeiten in der Verlängerung, weil keiner mehr die Energie fand, zu foulen. Die Scheibe musste dreimal gewechselt werden, weil das Logo abgeschürft war. Die Eismaschine lief zwischen den Over-times mit reduzierter Leistung, weil der Kompressor überhitzte. Und die Anzeigetafel war bereits auf 120:00 hängen geblieben, bewies damit mehr Stolz als Technik.

Die serie lebt – und fragt nach dem preis

Die serie lebt – und fragt nach dem preis

Mit dem 2:1-Führungsspiel für Regensburg rückt nun ein Belastungsdilemma ins Zentrum. Beide Teams haben 48 Stunden Pause, bevor es am Mittwoch in die Donau-Arena geht. Starbulls-Manager Andreas Brockmann sprach von „knapper Muskulatur und vollen Krankenzimmern“, während Regensburps Sportdirektor Robert Hoffmann schon nach Ersatztorhütern sucht – Neffin hatte nach dem Abpfiff Eisbeutel statt Handschuhe über. Die DEL2 wird voraussichtlich das erste Spiel verschieben, sollte eine Mannschaft weniger als 15 gesunde Feldspieler melden. Die Liga rechnet mit Schwerlast, die Fans mit Nachspiel.

Für die Statistiker bleibt die Frage, ob jemals wieder ein Spiel diese Marke knackt. Die Antwort liegt in der DNA des Play-off-Hockey: Je länger die Serie, desto tiefer die Löcher in der Eisdecke. Und irgendwo in Rosenheim rollt noch ein Puck, der seit Dienstagnacht nicht mehr liegen will. Wenn er am Mittwoch wieder aufspringt, könnte die Uhr erneut versagen. Die Geschichte ist längst nicht am Ende – sie hat nur einen Atempause-Button bekommen.