122 Minuten eishock-folter: regensburg schreibt del2-geschichte

Die Uhr zeigte 22:36 Uhr, als Bryce Kindopp den Puck ins leere Tor schob – und 4400 Kehlen im Rosenheimer Kathrein-Stadon kippten gleichzeitig von Jubel in kollektiven Kollaps. 122:35 Minuten hatte die Partie gedauert, viermal Verlängerung, unzählige Krämpfe, ein Eis, das mehr Schlitze als Oberfläche besaß. Damit ist das Play-off-Viertelfinale zwischen Starbulls Rosenheim und den Eisbären Regensburg nicht nur das längste Spiel der DEL2-Historie, sondern auch das zweitlängste, das je unter deutschen Banden gespielt wurde.

Das tor fiel, die beine nicht mehr

Kindopp traf in der 122. Minute – oder besser: Er fiel einfach über die Scheibe. „Wir waren alle kaputt“, sagte er später, während ihm noch das Salz aus der Stirn tropfte. „Es ging nicht mehr um ein schönes Tor, sondern ums Überleben.“ Die Entscheidung fiel, nachdem Rosenheims Torhüter Kevin Reich ein Powerplay-Out verursacht hatte. Die Starbulls spielten seit dem zweiten Drittel in Unterzahl, weil Verteidiger Manuel Klinge mit einer Schlägerwunde am Kinn ausfiel und keine Wechsel mehr möglich waren.

Die Zahlen sind schon jetzt Legende: 102 Schüsse für Regensburg, 97 für Rosenheim, 63 Saves von Maximilian Franzreb, 59 von Reich – und ein Eis, das nach 90 Minuten mehr aussah wie ein Käse als wie eine Spielfläche. Die Maschine musste zwischen den Verlängerungen sogar zweimal neu fluten, weil das Kreiseisen unter der Decke sonst Löcher geschnitten hätte. Die Zuschauer sangen sich die Kehle heiser, aßen die letzten Brezn und tranken Bier, das lauwarm wurde, bevor der erste Schluck ging.

Pasanen: „das war reine tortur“

Pasanen: „das war reine tortur“

Rosenheims Trainer Jari Pasanen schob nach dem Schlusspfiff nur noch die Worte heraus: „Das war keine Taktik, das war reine Tortur. Mir tun alle Jungs leid, sie haben sich in Grund und Boden gearbeitet.“ Sein Gegenüber Peter Flache nahm die Niederlage mit dem Stolz eines Mannes, der weiß, dass sein Team jetzt historisch ist – wenn auch auf der falschen Seite der Statistik. „So ein Spiel hat eigentlich keinen Sieger verdient“, sagte er und wischte sich Schweiß aus dem Bart.

Die Serie steht nun 2:1 für Regensburg, aber die Frage lautet nicht mehr, wer das Halbfinale erreicht, sondern wer überhaupt noch laufen kann. Bereits am Mittwoch geht es in der Donau-Arena weiter – und das Physioteam der Eisbären hat angekündigt, dass jedem Spieler nach dem Aufwärmen ein Eimer Eiswürfel vor die Kabine gestellt wird, „nicht für die Hand, sondern für die Seele“.

Der rekord liegt in norwegen – und er ist irre

Der rekord liegt in norwegen – und er ist irre

Deutschweit bleibt nur ein Spiel länger: 2008 siegten die Kölner Haie nach 168 Minuten mit 5:4 gegen Mannheim. Doch selbst dieser Wahnsinn ist ein Kindergeburtstag gegen das, was sich am 12. März 2017 in Norwegen abspielte. Storhamar gegen Sparta Warriors: 217 Minuten, acht Verlängerungen, 02:33 Uhr nachts – und ein Tor, das der Schiedsrichter kaum zählen konnte, weil seine Augen bereits zufielen.

Die DEL2 hat also ihren Marathon, die Fans haben ihre Geschichte, und die Spieler haben Blasen, die größer sind der Puck. Am Mittwoch geht die Serie weiter, aber egal wie sie endet: Diese Nacht wird in den Vereinsliedern bleiben – und in den Knien der Protagonisten bis zur Rente.