117 Spiele, zwei welten: döll und golla brechen die handball-mauer

Antje Döll schlägt mit 37 Jahren noch Tore für Deutschland, Johannes Golla plant schon den Ausstieg. Beide haben 117 Länderspiele auf dem Buckel – und ein Gespräch über Geld, Geschlecht und die Frage, warum Karlsruhe am Sonntag die falsche Adresse war.

Warum heidelberg statt karlsruhe die bessere wahl war

„Weil es warm ist“, sagt Golla und grinst. „Und weil Kinder dort nicht nur zuschauen, sondern mitfühlen.“ Er spricht von der Halle in Heidelberg, in der Dölls Team Slowenien mit 33:18 zerlegte. 50 Kilometer weiter spielte der KSC zweitklassigen Fußball. Golla: „Wer Handball live erlebt, versteht, warum der Ball schneller fliegt als jede Spielanalyse.“ Döll nickt. Sie weiß, dass sich hinter jedem Pass ein Netzwerk aus Schweiß und Timing versteckt, das man nur riecht, wenn man mittendrin steht.

Die 117, die keiner zählt

Die 117, die keiner zählt

Die Zahl 117 fällt wie ein Glücksspiel. Döll lacht schrill, als sie es erfährt. „Ich habe nur das Finale im Kopf, nicht die Excel-Liste.“ Golla hatte es auf dem Schirm, aber nur grob. „Ich sammle Trikots, keine Statistiken.“ Beide wissen: Die Hymne bleibt, egal ob es die 118 oder 200 wird. Die Gänsehaut ist Programm, nicht die Addition.

Prämien, medaillen und die frage, ob 130.000 euro unterschied neid machen

Prämien, medaillen und die frage, ob 130.000 euro unterschied neid machen

Die Männer kassierten für EM-Silber 430.000 Euro, die Frauen für WM-Silber 300.000. Döll zuckt mit den Schultern. „WM ist nicht EM, das ist wie 400 Meter gegen Marathon.“ Golla ergänzt: „Wir spielen nicht fürs Konto, sondern fürs Foto auf dem Kaminsims.“ Seine Medaille schlummert noch in der Sporttasche, weil Melsungen kein Platz für Pokale bietet. Dölls Silber liegt in einer provisorischen Vitrine, wartet auf ein eigenes Zuhause. Beide wissen: Metall schmilzt, Erinnerungen nicht.

Schnelligkeit gegen sperrgebiet – der blick auf den anderen

Döll will Gollas Dauerlauf-Gen. „Nach 50 Minuten Innenblock steht der noch vorne, als hätte er Schnellkraft im Müsli.“ Golla schmunzelt. „Ich will ihre Sprint-Turbo-Zündung. Meine Kollegen lachen, weil ich nicht mal zum Bus rennen kann.“ Der Austausch ist ungleich: Sie bewundert seine Konstanz, er ihre Explosivität. Beide wissen, dass Handball kein Wunschkonzert ist, sondern ein Job, der Knie und Knöchel frisst.

Mit 37 noch nationalspielerin – ein modell für morgen?

Döll antwortet vor dem Fragezeichen. „Solange der Trainer nicht klingelt und sagt ‚Antje, reicht‘, bleibe ich.“ Golla schüttelt den Kopf. „Ich werde mit 37 nicht mehr ran. Die Uhr tickt lauter als der Schiedsrichterpfiff.“ Dölls Antrieb ist der Beweis, dass Alter nur eine Zahl ist, solange die Wade noch zuckt. Gollas Einsicht: „Genießen heißt Abstand nehmen, bevor der Körper sich verabschiedet.“

Am Ende stehen zwei Kapitäne, eine Zahl und null Neid. Handball ist ihr gemeinsames Narrativ, nicht ihre Konkurrenz. Und wer nächstes Mal zwischen Karlsruhe und Heidelberg schwankt, sollte wissen: In der Halle wartet keine 90-Minuten-Show, sondern 60 Minuten Lebenszeit, die man sich merkt – egal, ob man 117 Mal dabei war oder erst beim ersten Mal.