Spalletti zieht nach rom-roller die reißleine – und gibt juve den sprint-auftrag

Rom – Eine Woche nach dem Champions-Aus, mitten im Programm-Dschungel, schob Luciano Spalletti seiner Juve am Olimpico noch einmal den Notrückwärtsgang ein. 3:3 gegen die Roma, 93. Minute, Federico Gatti köpft das 3:3, Spalletti atmet durch die Maske wie ein Mann, der eben einen Berg versetzt hat. „Wenn wir von Reaktion sprechen, bin ich zufrieden. Schauen wir aber auf die Chancen, die wir im ersten Drittel liegen liegen, nein.“ Satz eins: Schulterklopfen. Satz zwei: Schrapnell. So klingt ein Trainer, der die Saison nicht in der Lotterie verlieren will.

Der vierte platz wird zur lebensform

Spalletti redet nicht um den heißen Brei herum. „Ich lebe für den vierten Platz. Gebt mir eine Form, und ich lebe für diese Form.“ Die Tabellen-Mathematik ist gnadenlos: Mit 23 Punkten Rückstand auf den Leader Inter ist die Meisterschaft Makulatur, die Champions-League-Quali der letzte Strohhalm. Die Roma trennt sich mit einem Punkt, Atalanta lauert zwei Zähler dahinter. Spalletti weiß: Jetzt zählt jede Woche ein Endspiel.

Die Zahlen sind sein Feind und sein Freund. Fünf Spiele in zwei Wochen, drei davon in Unterzahl, zweimal wegen Rot, einmal wegen Verletzungspech. „So etwas nagt, egal wie laut man ‚Forza Juve‘ schreit“, sagt er, aber er spürt die Kurve im Nacken. „Wenn die Fans an unserer Seite sind, wird das Gewicht leichter.“ Die Kurve war am Sonntag ein achtes Feld, ein Exoskelett aus Schalwelle und Rauch.

Yildiz, zhegrova, boga – das feuerwerk im nacken

Yildiz, zhegrova, boga – das feuerwerk im nacken

Spalletti nennt Namen wie ein DJ eine Playlist. Kenan Yildiz, der 19-jährige Deutsch-Türke, der mit seiner Hüftschwung-Technik zwei Gegenspieler aussteigen lässt, bevor er das 2:3 vorbereitet. Lazar Samardžić, der mit der Einwechslung den Spielfluss um 180 Grad dreht. Und Paul Pogba? Noch immer im Fitness-Deckel, aber sein Schatten liegt auf der Bank wie ein Versprechen, das keiner mehr aussprechen will.

Die Defensive dagegen wirkt wie ein Swiss-Cheese-Modell: Lücken, durch die José Mourinho seine Konter schiebt. Gleich drei Gegentore aus Standards, das hatte die Juve zuletzt 2012 kassiert. Spalletti schüttelt den Kopf: „Leichtfertig beim zweiten und dritten Gegentor – so etwas darf nicht passieren, wenn man oben mitspielen will.“

Die saison wird zum boxkampf ohne gong

Die saison wird zum boxkampf ohne gong

Die nächsten Gegner lesen sich wie ein Who-is-Who der Angstgegner: Atalanta auswärts, dann Bologna daheim, danach Napoli im San Paolo. Spalletti zieht die Schultern hoch, als hätte er kaltes Wasser im Nacken. „Wir hatten eine Phase, in der zu viel auf einmal kam und das Pech sich anstellte wie ein zusätzlicher Gegner. Aber ich sehe eine Mannschaft, die in allen Bereichen gereift ist.“

Reif ist auch die Erkenntnis: Ohne den vierten Platz gibt es kein Morgen, keine Transfers, kein neues Stadion-Konzept, keine Sonderprämie. Die Juve spielt nicht mehr für Titel, sie spielt für Existenz. Und Spalletti? Er lebt für diese Form. Am Ende der Pressekonferenz ein letzter Satz, fast zufällig hingeworfen: „Wir werden ein großes Finale spielen – und ich meine nicht das Finale in Rom, sondern das Finale der Saison.“ Die Saison ist das Finale. Punkt.