Sommer, acerbi, mkhitaryan: drei rentner starten gegen atalanta – das letzte rennen um den scudetto

112 Jahre auf dem Papier, 90 Minuten im Kopf. Yann Sommer, Francesco Acerbi und Henrikh Mkhitaryan werden am Samstag gemeinsam in Mailand auflaufen – ein Trio, das im Juni seine Koffer packt und vorher noch einmal die Meisterschaft retten soll.

Inter zieht die notbremse mit dem letzten aufgebot

Die Rechnung ist simpel: Sieben Punkte Vorsprung, zehn Spieltage, ein Scudetto im Würgegriff. Doch hinter der Fassade des Tabellenführers brodelt es. Trainer Cristian Chivu plant die Aufstellung wie einen Notarzt, nicht wie einen Taktiker. Sommer (37) spielt, weil er der einzige Torhüter ist, der in dieser Saison nicht verletzt ausfiel. Acerbi (38) rückt rein, weil Akanji eine Gelb-Sperre droht und De Vrij nach zwei Remis in Folge als „zu lau“ gilt. Mkhitaryan (37) muss, weiß Chivu, „einfach laufen, bis die Lunge brennt“ – Calhanoglu zittert mit leichtem Muskelbündelriss auf der Tribüne.

Die Zahlen sind gnadenlos. Sommer kassierte in 26 Liga-Spielen 21 Gegentore, vier mehr als in der Vorsaison. Acerbi stand seit dem 14. Januar nur noch einmal in der Startelf – das 1:3 in Bodo/Glimt, das Inter beinahe die Champions-League-Teilnahme kostete. Mkhitaryan traf nur zweimal in 21 Partien, seine letzte Torbeteiligung datiert vom 1. Dezember. Dennoch: Gegen Atalanta, dem Angstgegner der Nerazzurri (nur ein Sieg in den letzten fünf Duellen), setzt Chivu auf die Alters-Truppe.

Verträge ticken, uhren ticken schneller

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Sportdirektor Giuseppe Marotta weiß, dass er nach dem 30. Juni drei Gehälter vom Kapptisch nehmen kann. Sommer verlangte beim letzten Treffen „eine symbolische Verlängerung“, bekam ein Kopfschütteln. Acerbis Berater schickte vor drei Wochen eine PowerPoint-Präsentation mit Titel „Verteidiger mit Pferdelunge“ – die Antwort kam per WhatsApp: „Grazie, basta.“ Mkhitaryan lächelte nur, als er gefragt wurde, ob er nach Katar wechseln wolle. „Ich will hier noch einen zweiten Stern“, sagte er, „dann sehen wir weiter.“

Die Kurve singt bereits ein ironisches Lied: „Una last dance per i nonni.“ Die Alten tanzen, solange die Musik spielt. Und Atalanta? Die hat mit Scamacca, Lookman und De Ketelaire die schnellste Sturmreihe der Liga. Gegen genau diese Art von Gegner kollabierte Inter in der Vorsaison zweimal – 0:1 in Bergamo, 2:3 im Giuseppe-Meazza-Stadion.

Chivus Blick ist stahlhart. „Wenn wir diese zehn Spiele überstehen, redet keiner mehr über Alter“, sagte er nach dem Training. „Dann reden alle nur noch vom zweiten Stern.“ Die Spieler selbst schweigen. Sie haben WhatsApp-Gruppen gegründet, in denen sie sich gegenseitig Sprachnachrichten schicken: „112 Jahre, 90 Minuten, ein Scudetto – reicht das als Lebenswerk?“

Am Samstag um 18 Uhr wird die Antwort stehen. Entweder behält Inter die sieben Punkte, oder Atalanta schiebt sich auf drei heran. Dann wäre aus der „last dance“ ein „last breath“ geworden. Und die drei Rentner? Sie würden nicht nur Inter, sondern sich selbst verabschieden – ohne Trophäe, nur mit der Erinnerung an eine Saison, in der sie ein letztes Mal die Welt anhalten wollten.