Sinner trifft auf chang-schüler tien: kaliforniens heimlicher aufsteiger
Indian Wells – Wer Jannik Sinner am Mittwoch in den Viertelfinals stoppen will, muss sich durch einen Linkshänder kämpfen, der als Kind noch auf den Rängen saß und jetzt selbst auf dem Center Court steht. Gegenüber: Learner Tien, 20, Irvine/California, Co-Trainer Michael Chang. Ein Name, der bei Kennern sofort die Alarmglocken läuten lässt.
Chang-effekt: titel vor dem 20. geburtstag
Seit Chang im vergangenen Jahr an Bord kam, schoss Tien’s Formkurve senkrecht nach oben: Metz und die Next-Gen ATP Finals gingen an den jungen Amerikaner. „Ich wollte unbedingt vor 20 einen ATP-Titel holen – Metz war meine letzte Chance“, sagt er mit der Gelassenheit eines Seniors, obwohl ihm der Jus-Jargon der Eltern noch im Mundwinkel klebt. Vater Khuong ist Immobilien-Anwalt, Mutter Huyen Grundschullehrerin – daher der Name Learner. Zweite Tochter: Justice. Kein Zufall, sondern Programm.
Der heimische Sand von Indian Wells ist für Tien kein neutraler Belag, sondern Heimspiel. „Ich weiß noch genau, wo ich als Kind gesessen habe. Jetzt schlage ich auf demselben Court Aufschläge, gegen dieselben Jungs, die ich damals vergöttert habe“, lacht er, während er eine Flasche mit Elektrolyten schwenkt. Der Circle of Life, nur mit etwas mehr Spin.

Sinner-test: „er kann dir das racket aus der hand reißen“
Gegen Sinner erwartet Tien einen Gegner, der „auf dem Papier und auf dem Court“ schneller ist als jeder Algorithmus. „Mit Jannik darf man nie runtergehen, sonst ist der Ball beim Fotografen“, warnt er und deutet auf die hintere Wand der Interviewzone. Chang habe ihm eingeschärft, früh die Vorhand-Inside-in-Variante zu suchen und Sinner’s Timing mit hohem, schnellem Kick auf die Rückhand zu stören. Ob’s reicht? „Ich bin noch lange kein kompletter Spieler, aber ich lerne schneller als meine Gegner mich analysieren.“
Physis sieht er als größte Baustelle. „Carl und Jannik sind aus Muskeln gemacht, ich bin noch aus Gummi“, gesteht er und knetet seine Schultern. Doppel will er trotzdem spielen – mit Medvedev lief’s in der Wüste bereits gut. „Coach Chang war skeptisch, aber als Daniil fragte, sagte er okay – zwei Einzelspieler, kein Konflikt.“
Über Chang’s aktiven Zen-Buddhismus-Forehand von 1989 hat er sich YouTube-Reels reingezogen. „Relikte“, grinst er, „aber die Beinarbeit ist zeitlos.“
Für 2026 steht das Ziel Top-100 im Doppel auf dem Zettel. Klingt nach Nebensache, ist aber Teil des Masterplans: bessere Netzreflexe, kürzere Punkte, weniger Verschleiß. „Und es ist cool.“
Die Sonne über Indian Wells senkt sich, die Berge leuchten rosa. Tien packt seinen schwarzen Wilson-Koffer zu. Ob er Sinner ärgert oder nur eine Lehrstunde erhält? „Ich will beides“, sagt er und schlägt die Kappe nach hinten. „Lernen und gewinnen – schließlich heiße ich nicht umsonst Learner.“
