Sinner schlägt shapovalov: kalte wende im wüstenfeuer
Ein Break, zwei Breaks – und die Sache war gelaufen. Jannik Sinner drehte innerhalb von 18 Minuten das Blatt gegen Denis Shapovalov, um 1:14 Uhr deutscher Zeit die Sonne über Indian Wells schon fast wieder aufgehen zu sehen. 6:3, 6:2 – mehr Sand hatten die Kanadier nicht mehr in der Schaufel.
Sinner selbst wirkte danach, als hätte er nur die Schuhe gebunden. „Er ist ein Spieler mit sehr hoher Qualität“, sagte er, während Schweißperlen auf seiner Stirn verdampften. Das war keine Floskel. Shapovalovs Vorhand war ein Gewehr, aber der Italiener nahm ihm die Kugeln weg, bevor der Lauf glühte.
Der moment, als das match kippte
Beim Stand von 1:2 im ersten Satz schlug Sinner eine Vorhand longline, die so flach war, dass der Ball kaum mehr als zwei Zentimeter über dem Netz segelte. Shapovalov streckte sich, konnte nichts ausrichten. Von da an verlor der Kanadier vier Games in Serie, seine erste Aufschlagquote brach auf 48 % ein. Die Statistik lügt nicht: Wer im Wüstenwind nur jeden zweiten ersten Ball trifft, fliegt raus.
Im zweiten Durchgang wechselte Sinner in den Modus „Federer light“. Er kam 19-mal ans Netz, gewann 15 Punkte. Die Menge im Stadion 2 – 8.500 Plätze, alles voll – jubelte jedem Volley nach. Shapovalov schaute nur. Einmal warf er den Blick in die Box, als suche er eine Erlaubnis zum Aufgeben. Die kam nicht, aber die Energie war weg.

Fonseca wartet – und ein wunderkind träumt
Nun trifft Sinner auf Joao Fonseca. 19 Jahre, aus Brasilien, mit einem Aufschlag, den Andre Agassi kürzlich als „Komet mit Tennisarm“ bezeichnete. Fonseca schlägt 220 km/h, aber seine wahre Waffe ist der Kick, der nach oben abdreht wie ein Surfbrett in einer Pipeline. Sinner kennt das Video. „Er hat nichts zu verlieren“, sagt er. „Ich schon.“
Die Wette: Wer als erster Sinner einen Satz abnimmt, wird in den sozialen Medien trenden. Die Quote liegt bei 4,75 – ein Schnäppchen für Risikofreunde. Denn selbst wenn Sinner dieses Turnier gewinnt, muss er sieben Matches in zwölf Tagen bestreichen. Die Wüste frisst Energie. Die Nächte sind kalt, die Tage 35 Grad. Das ist kein Tennis, das ist ein Doppelmarathon mit Sonnenbrand.
Alexander Zverev hat es schwerer. Er benötigte 2:32 Stunden gegen Brandon Nakashima, sprach danach von „Krieg“ und trifft nun auf Frances Tiafoe. Der US-Amerikaner hat in Indian Wells bereits zweimal das Halbfinale erreicht. Zverevs Bein ist noch nicht 100 %, nach der Knöchel-OP. Wenn er den Titel holt, ist das keine Leistung – ein Wunder.
Sinner dagegen wirkt, als hätte er den zweiten Gang noch nicht eingelegt. Er lief in der Nacht nach dem Match noch 20 Minuten auf dem Laufband, um die Säure aus den Oberschenkeln zu spülen. Die Physiotherapeuten nennen das „aktive Erholung“. Er nennt es „Arbeit“. Die Uhr war 3:30 Uhr, als er das Stadion verließ. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber sein Name schon in den Nachrichten.
Die Zahlen: 14 Siege in Serie, nur zwei Satzverluste seit dem Saisonstart. Wer ihn stoppen will, braucht mehr als einen guten Tag. Er braucht eine Waffe – oder ein Wunder. In der Wüste sind beides Mangelware.
