Simonelli zieht in sofia den not-notschalter: geld, piraten, power
Ezio Simonelli, Chef der italienischen Serie A, hat in Sofia mit Zahlen auf den Tisch gehauen. 35 Ligen, eine Bühne, ein Ziel: retten, was zu retten ist. Denn die UEFA-Kasse verteilt Milliarden – doch die Kleinen bekommen nur Krümel. Die Großen dagegen saugen sich die internationalen Supercups voll, während die heimischen Lizenzen bröckeln.
Die European Leagues laden seit Jahren, doch diesmal roch es nach Machtkampf. Neue Stimme, alter Streit: Claudius Schäfer, frisch als Präsident bestätigt, fordert „gemeinsame Interessen“. Was heißt das konkret? Mehr Geld für die Basis, weniger Super-League-Gedanken. Die UEFA lauschte, die FIFA schwieg, die Klubbosse tuschelten.

Die fünf säulen, die den rasen beben lassen
Punkt eins: Polarisierung stoppen. Die Rede ist von Juve, Bayern, PSG – jene Klubs, deren Budgets längst Staffeln über der zweiten Liga liegen. Punkt zwei: Governance stärken. Kurz: Entscheidungen sollen nicht mehr hinter verschlossenen Limousinentüren fallen. Punkt drei: Piraterie eindämmen. Jeder zweite Stream kommt aus der Grauzone, jede vierte Euro-Liga verdient weniger TV-Geld als 2015. Die Verluste: dreistellige Millionenhöhe pro Saison.
Punkt vier: Sozialdialog. Klingt nach Gewerkschaft, ist es auch. Spielerräte, Fan-Vertreter, Frauen-Ligen – alle bekommen Stimmrecht. Und punkt fünf: der Frauenfußball. Ab sofort dürfen sich Profi-Ligen weiblich auf Augenhöhe bewerben. Der Verwaltungsrat wächst, Simonelli verspricht: „Parität ist kein Lippenbekenntnis mehr.“
Der Knackpunkt aber bleibt der Geldtopf. Die UEFA will 2027 rund 4,6 Milliarden Euro an Verteilergebühren ausschütten – ein Drittel mehr als heute. Doch 70 Prozent davon landen bei 32 Klubs. Die restlichen 700 Teams teilen sich den Abfall. Simonelli fordert eine Quotierung: mindestens 30 Prozent für nationale Ligen, sonst droht deren „ökonomisches Auskochen“. Die Antwort der UEFA: „Prüfung läuft.“
Ein Detail verrät die Lage: Simonelli und Andrea Butti, Competitions-Head der Serie A, schlichen sich nach der Sitzung ins Steakhouse von Salt Bae. Video online, Likes explodieren. Die Botschaft: Wir sind nahbar. Die Wahrheit: PR kann Verteilungskämpfe nicht süßen.
Die Zahlen sind gnadenlos. In Italien bricht die TV-Einnahme der Serie B um 18 Prozent ein, die Zuschauerzahlen der Coppa Italia stagnieren. Deutschland meldet Rekord-Einnahmen – aber nur für Bundesliga-Top-Spiele. Alles darunter verliert Marktwert. Glenn Micallef, EU-Sportkommissar, warnt: „Ohne nationale Pyramide bricht der Profifußball in sich zusammen.“
Die nächste Runde steht an: In drei Monaten tagt die UEFA in Nyon. Dort wird Simonelli einen konkreten Verteil-Schlüssel einfordern. Seine Drohkulisse: Sperrung von Friendly Cups, Lizenzverweigerung für Super-League-Teams. Die Liga-Bosse jubeln leise, die Klub-Milliardäre schmieden Gegenpläne.
Bis dahin bleibt ein Geschmack von Rasen und Realität: Entweder der Fußball findet ein neues Gleichgewicht – oder er spielt sich selbst ab. Die Uhr tickt. Die Transfermaschine dreht bereits durch. Und jeder Cent, der morgen verteilt wird, entscheidet darüber, ob in zehn Jahren noch Dorfklubs Tore schießen oder nur noch Netflix-Events stattfinden.
