Silke christiansen kehrt zurück und rettet die luchse im tor
Die HL Buchholz-Rosengarten schöpft in der 2. Handball-Bundesliga der Frauen neue Hoffnung. Silke Christiansen, 46-malige Nationaltorhüterin und EM-Teilnehmerin von 1998, springt mitten in den Abstiegskampf ein. Ihre Mission: die beiden jungen Luchse-Keepers Anja Rossignoli und Elina Döring vor dem drohenden Klassenverfall zu schützen.
Das nötigt Respekt ab. Christiansen war längst aus dem aktiven Geschäft ausgestiegen, hatte sich auf Coaching verlegt. Nun steht sie wieder im Kreis, neben Torwarttrainerin Mareike Vogel. „Schilli bringt unserem Team eine Präsenz, die man sich nicht erklären kann – man spürt sie einfach“, sagt Geschäftsführer Sven Dubau. Die 46 Länderspiele sprechen für sich; wer sie einmal in Harrislee, Bremen oder Buxtehude zwischen den Pfosten erlebte, weiß, dass Ruhe ansteckend ist.
Ein kommen, das keiner auf der rechnung hatte
Die Luchse kassierten in dieser Spielserie 29,1 Gegentore pro Partie – nur drei Teams sind schlechter. Döring ist 21, Rossignoli erst 19. Beide haben Talent, aber noch kein Erstliga-Abwehrgebirge vor sich. Christiansen kennt diesen Moment: „Ich war 18, als ich gegen Grit Jurack trainierte. Da lernt man schnell, dass Mut mehr zählt als Größe.“
Ihre Vita liest sich wie ein Streifzug durch deutsche Handballgeschichte. Nach der Jugend in Nord Harrislee holte sie Titel mit Walle Bremen, zog mit Hersfeld den Kopf aus der Schlinge, spielte Champions-League mit Buxtehude. Dazwischen die Nationalmannschaft, WM- und EM-Einsätze, ein Leben aus Kämpfen. Genau diese Erfahrung will sie weitergeben, nicht durch langatmige Vorträge, sondern durch kleine Details: Fußstellung, Atemrhythmus, Blick nach vorne statt zum Ball.
Christiansen selbst nennt das Projekt „Rückkehr mit Herzschlag“. Sie trainierte bereits in der Jugend der Luchse, doch nun geht es um Zahlen. „Wenn wir pro Halbzeit zwei, drei Bälle mehr halten, springt der Knoten. Und dann holen wir die Punkte“, sagt sie nüchtern. Die Rechnung ist simpel: Bei 26 Treffern statt 29 wäre Buchholz schon Tabellenplatz zehn – außerhalb des Abstiegsrifts.

Die uhr tickt, der abstieg lässt nicht auf sich warten
Die nächsten Gegner: Bensheim-Auerbach, HSG Blomberg-Lippe, Frisch Auf Göppingen – alles Teams mit international geprägten Rückraumreihen. Genau diese Schüsse trainiert Christiansen mit den Keepers: Richtungswechsel, Sprungkraft aus Stand, nach außen abprallen statt einfach nur fallen. Die Statistik zeigt: Rossignoli hat bisher 25 % gehalten, Döring 23 %. Ein Prozentpunkt mehr entspricht durchschnittlich 1,4 Gegentoren weniger – ein halbes Spielergebnis.
Intern heißt es, Christiansen habe schon nach zwei Trainingseinheiten eine neue Sprache etabliert: Kurzkommandos, Handzeichen, ein Klatscher auf die Latte als Weckruf. „Wenn Schilli ruft, machen alle mit“, berichtet Rossignoli. Das sei ganz anders als Videoschulung, wo sich jeder selbst sieht. „Sie steht direkt vor dir, spuckt dir förmlich den Ball entgegen.“
Die Fans reagierten sofort: 400 Tickets für das Heimspiel am Samstag gegen Göttingen sind seit der Meldung weg – ein Plus von 28 %. Der Vorstand rechnet sich das zusammen: mehr Zuschauer, mehr Merchandise-Umsatz, vielleicht sogar Sponsorengelder, sollte der Klassenerhalt gelingen. Christiansen selbst verzichtet auf Gagen, bekommt lediglich Spesen. „Ich bin keine teure Quick-Fix-Lösung“, sagt sie. „Aber ich bin da, bis der Abstieg vom Tisch ist oder wir gemeinsam unten durch sind.“
Die Liga hat die Rückkehr registriert. „Wenn eine 46-fache Nationalspielerin wieder einsteigt, ist das ein Statement“, sagt Ligapräsident Klaus-Peter Jäger. Er weiß: Solche Geschichten verkaufen sich – und sie geben dem Sport ein Gesicht jenseits von Statistiken. Für die Luchse heißt das: Jetzt oder nie. In sechs Wochen entscheidet sich, wer die Relegation bestreitet. Christiansen hat den Zeitraum frei gemacht. Danach wird sie wieder verschwinden – hoffentlich mit geretteten Luchsen im Gepäck.
