Siegenthaler schlägt um: vier punkte in zwei spielen – der schweizer riese entdeckt den angriff
Jonas Siegenthaler? Bisher das Synonym für Blocks, Checks und jene graue Arbeit, die man nur lobt, wenn das Plexiglas kracht. Nun flattert der 28-Jährige plötzlich über das Eis und trägt – statt Gegner – den Puck in die gegnerische Zone. Vier Scorerpunkte in zwei Partien: Das ist für den Schweizer Abräumer so ungewohnt wie ein Hattrick für einen Goalie.
Keefe staunt: „er kreiert chancen“
Sheldon Keefe schüttelt den Kopf – begeistert. „Er spielt zur Zeit super“, sagt der Coach der New Jersey Devils nach dem 5:2 gegen die Senators. Dabei fällt Keefe nicht das obligatorische „guter Defensiv-Job“-Kompliment ein. Er redet stattdessen vom Spiel nach vorne, vom Mitlaufen beim Konter, vom Raum, den Siegenthaler für seine Sturmkollegen öffnet. „Manchmal reicht schon seine Präsenz, um einen Mitspieler freizustellen. Das macht er echt gut.“
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: In 487 NHL-Einsätzen vor dieser Woche standen 67 Punkte auf seinem Konto – Schnitt 0,14. Jetzt zwei Assists und ein Tor innerhalb von 48 Stunden. Die Devils haben in beiden Spielen gewonnen, Siegenthaler lag bei 20 Minuten Eiszeit pro Partie auf dem Eis. Die Bank jubelt, die Analytiker reiben sich die Augen.

Die belohnung für die unsichtbaren kilometer
Die Scouts lieben ihn für die „invisible miles“, die unsichtbaren Kilometer: Sticks in Lanes, Box-Outs, kleine Checks, die den Gegner einen halben Schritt rausnehmen. Statistiken erfassen das nicht, Zuschauer sehen es selten. Keefe kennt die Seelenarbeit: „Er macht so viele gute und schwierige Sachen, die kaum Beachtung kriegen.“ Jetzt, da die Punkte kommen, fühlt sich das wie ein Gutschein, den die NHL endlich einlöst.
Die Devils liegen mit 91 Zählern einen Punkt hinter den Rangers auf Playoff-Rang zwei der Metropolitan Division. Die restliche Saison wird entscheiden, ob New Jersey erstmals seit 2012 wieder um den Stanley Cup angreift. Wenn Siegenthaler neben Hitzegraden auch Punkte liefert, wird die Blue-Line plötzlich doppelt gefährlich. Die Gegner müssen umdenken: Nicht mehr nur Jack Hughes und Nico Hischier, sondern auch der Mann mit der Nummer 71 können sie bestrafen.
Siegenthaler selbst lächelt nach den Spielen, wirkt fast verlegen. „Ich versuche einfach, kluge Entscheidungen zu treffen“, sagt er mit zürcherischem Akzent. Diese Bescheidenheit passt zum alten Image. Die neue Wirklichkeit aber lautet: Der Shutdown-Verteidiger hat den Angriff entdeckt – und damit die Devils in der heißen Phase noch gefährlicher gemacht. Wer ihn nun unterschätzt, kassiert vielleicht nicht nur einen Check, sondern auch ein Tor. Die Liga war gewarnt.
