Shiffrin jagt moser-pröll und lächelt dabei: 125 punkte vorsprung, ein gold-seelenbalsam

Are – Mikaela Shiffrin tritt Samstag um 10 Uhr im Riesenslalom an, als hätte sie das Internet nie gehasst. 125 Punkte Vorsprung auf Emma Aicher, ein Olympia-Gold im Gepäck und die riesige Kristallkugel so greifbar wie seit Jahren nicht. Die 30-Jährige lacht aus voller Kehle im schwedischen Mietwagen, während ihr Team um den Koffer rennt, der irgendwo zwischen Östersund und Are abhandengekommen ist. „Emma, wo bist du?“, schreibt sie auf Instagram. Antwort: Aicher quetscht sich mit herausgestreckter Zunge auf die Couch, kommentiert „Auf dem Weg (bald)“. Kein Groll, nur Ski-Cosplay der Extraklasse.

Der gold-patch gegen den hass

Hinter dem Quatsch steckt ein Seelenbalsam. In Peking taumelte Shiffrin aus allen Rennen, wurde online als „wertloses Stück Scheiße“ beschimpft, als Verräterin beschuldigt, weil sie sich für Diversität einsetzte. Cortina d’Ampezzo setzte dem ein Ende: Slalom-Gold, Mantras auf dem Spiegel, Psychologe im Nacken, Social-Media-Auszeit. Seitdem scrollt sie wieder, aber die Kommentarspalten berühren ihre Trigger nicht mehr. „Ich liebe einfach Skifahren“, sagt sie, und das klingt nicht nach Motivationsklamotte, sondern wie eine Erkenntnis, die sie vor jedem Start in die Startkabine trägt.

Are ist ihr persönliches Zeitportal. Im Dezember 2012 gewann sie hier ihren ersten Weltcup – Aicher war neun. Zwölf Jahre später könnte sie in denselben Tälern Moser-Prölls Rekord egalisieren: sechs große Kristallkugeln. Die Zahlen sind längst absurd: 108 Siege, 166 Podeste, acht WM-Titel. Doch die neue Faszination kommt daher, dass sie plötzlich angreifbar wirkt. Aicher, die Schwedin im deutschen Dress, verkürzte in Sestriere auf 125 Punkte, patzte zweimal, aber sie ist 22 und spielt ohne legacy-Druck. Shiffrin muss nur noch ihre Linie durchs Dunkel der Nacht von Are halten – und dann geht’s nach Lillehammer, wo vier Rennen die Disziplin-Wertungen ausschütteln.

Die übergangsphase mit 30

Die übergangsphase mit 30

„Ich bin an einem Übergang“, sagte sie dem US-Talker Pat McAfee. Keine Richtung, kein Datum, nur das Gefühl, dass die Frage „Was kommt danach?“ nicht mehr weh tut. Olympia 2030? „Vier Jahre sind eine lange Zeit“, antwortet sie ausweichend, doch das klingt wie ein vorsichtiges Ja. Ihr Körper meldet sich seltener mit Erbrechen vor dem Start, das Adrenalin schlägt nicht mehr gegen die Rippen, sondern fließt ins Skiwachs. Die Gegnerin ist nicht mehr nur die Deutsche im Nebenstartloch, sondern die Uhr, die langsam wird, wenn die Beine älter werden.

Die Favoritenrolle schmückt sie mit Galgenhumor. Shiffrin weiß, dass ein Tor unterwegs reicht, um die 125 Punkte zu schmelzen. Aber sie weiß auch, dass sie in Are schon mit 18 die Alten alt aussehen ließ. Samstag, 10 Uhr, Riesenslalom. Sonntag, 9.30 Uhr, Slalom. Danach vier Tage Lillehammer, danach vielleicht Geschichte, die sich wiederholt. Moser-Pröll wartet seit 1980 auf Gesellschaft. Die könnte schon am Sonntagabend komplett sein – und Shiffrin würde wieder lachen, diesmal ohne Mantras auf dem Spiegel, nur mit Schnee auf der Brille.