Selbstüberschätzung im sport: wenn experten unwissend wirken
Wir kennen sie alle: Die Person, die in jedem Gespräch das Wort ergreift, vermeintlich alles besser weiß und ungefragt Ratschläge erteilt – obwohl ihre Expertise bestenfalls fragwürdig ist. Ein Phänomen, das weit über den Sport hinausgeht, aber gerade hier besonders auffällt und oft zu unnötigen Diskussionen und Verunsicherungen führt.

Der dunning-kruger-effekt: illusion der kompetenz
Psychologen nennen dieses Verhalten den Dunning-Kruger-Effekt. Er beschreibt die kognitive Verzerrung, bei der Menschen mit geringen Kenntnissen in einem bestimmten Bereich dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Sie sind sich ihrer eigenen Unwissenheit nicht bewusst und werten ihre Leistungen daher unrealistisch positiv ein. Das Ergebnis: Ein überheblicher Auftritt, der oft auf einem wackeligen Fundament basiert.
Die Ursache liegt darin, dass die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung eng mit dem Fachwissen selbst verbunden ist. Wer wenig Ahnung hat, kann nicht erkennen, wie viel er nicht weiß. Es ist ein Teufelskreis: Mangelndes Wissen führt zu mangelnder Selbsterkenntnis, was wiederum zu einer übertriebenen Selbstsicherheit führt. Besonders frustrierend ist, dass diese Personen selten bereit sind, ihre Meinung zu überdenken, selbst wenn Fakten gegen sie sprechen.
Aber es gibt auch die Kehrseite der Medaille: Menschen mit fundiertem Wissen können sich hingegen unter Wert verkaufen und ihre eigenen Fähigkeiten unterschätzen. Sie sind sich der Komplexität des Themas bewusst und zweifeln daher eher an ihrer eigenen Kompetenz. Die Diskrepanz zwischen tatsächlichem Wissen und Selbsteinschätzung kann in beiden Fällen zu Problemen führen, sowohl im persönlichen Umgang als auch im beruflichen Kontext.
Wie erkenne ich einen sogenannten „Cuñado“ im Sport? Es ist nicht immer einfach, jemanden mit dem Dunning-Kruger-Effekt zu identifizieren, denn gerade die Selbstübersicherheit kann täuschen. Achten Sie auf folgende Merkmale: Sie sprechen mit absoluter Sicherheit über komplexe Themen, ohne fundierte Kenntnisse zu besitzen, stützen sich auf oberflächliche Informationen und ignorieren oder werten Kommentare von Experten herab. Ein typisches Zeichen ist auch die Unfähigkeit, eigene Fehler einzugestehen oder Kritik anzunehmen.
Im Fußball beobachten wir das etwa bei vermeintlichen Taktikexperten in den sozialen Medien, die nach jedem Spielverlauf pauschale Urteile fällen und Spieler öffentlich bloßstellen, ohne die komplexen Zusammenhänge zu berücksichtigen. Oder beim Hobbytrainer, der den Profis auf dem Platz Anweisungen gibt, die offensichtlich keinen Sinn ergeben.
Die Gefahr dieser Art von Experten-Allüren liegt nicht nur in der Irreführung anderer, sondern auch in der Verhinderung konstruktiver Diskussionen und der Demotivation von Menschen, die tatsächlich bereit sind, sich weiterzubilden und ihr Wissen zu erweitern. Es ist an der Zeit, eine Kultur der Bescheidenheit und des fachlichen Respekts zu fördern – auch und gerade im Sport.
Die Zahl der Sport-Influencer, die ohne jegliche Qualifikation Ratschläge an junge Talente verteilen, steigt stetig. Eine aktuelle Studie des Deutschen Sportbundes zeigt, dass über 60% der Jugendlichen falsche Informationen aus diesen Quellen übernehmen. Es ist höchste Zeit, dass Vereine und Verbände stärker in die Medienkompetenz ihrer Mitglieder investieren, um ihnen zu helfen, zwischen Fakten und Falschinformationen zu unterscheiden.
