Sein herz stoppte beim spiel – sebastian faißts tod wird 15 jahre später schärfer

Als Martin Heuberger zurückblickt, spürt er noch den Hallenboden unter seinen Sohlen. 3. März 2009, Schaffhausen, 16:04 Uhr. Die deutsche U-21 liegt 13:11 gegen die Schweiz, der Ball rollt aus, Sebastian Faißt läuft rückwärts, stolpert, sackt zusammen. Kein Gegentreffer, kein Foul, nur ein dumpfer Aufprall. „Mir wird schwarz, ich seh nichts“, sagt der Kapitän noch. Dann herrscht Stille.

Ein talent, das bereits bundesliga-abwehrreihen zersägte

Faißt war kein gewöhnlicher Junioren-Nationalspieler. Mit 19 debütierte er für Dormagen in der Ersten Bundesliga, erzielte beim 25:25 in Kiel vier Treffer gegen den späteren Meister. Rechtsaußen, 1,92 m, Sprungkraft wie ein Trampolin, Charisma wie ein Chef nach der Mittagspause. „Er arbeitete wie ein Zweitliga-Profi, obwohl er noch zur Schule ging“, sagt Heuberger. Die beiden stammen aus dem selben Verein, TuS Schutterwald – eine Verbindung, die den Trainer später doppelt trifft.

Die Notärzte kämpfen 55 Minuten in der Halle. Herzstillstand, keine Vorerkrankung, nichts. Die Mutter fliegt von Baden-Württemberg an die Schweizer Grenze, tröstet noch Mitspieler, bricht später erst. Die Mannschaft fliegt ohne ihren Kapitän zurück, im Flugzeug herrscht Grabesstille – bis heute ein Flug, den keiner vergisst.

Gold ohne den anführer – und mit seinem gesicht im verbandstrakt

Gold ohne den anführer – und mit seinem gesicht im verbandstrakt

Wenige Monate später zieht Deutschland bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Ägypten das Final-Trikot über. Die Ärmel zittern. „Wir schulden Sebi noch was“, flüstert Rückraumspieler Sven-Sören Christophersen. Das Team besiegt Frankreich, holt Gold, die Medaille trägt ein schwarzes Band. Im Mixed-Zone-Tunnel hängt ein Foto von Faißt, darunter die Zahl 7. Heuberger: „Die Jungs haben seine Willenskraft in die Kabine getragen – das war kein Motivationstrick, das war echte Trauerenergie.“

15 Jahre danach steht der DHB auf einem neuen Sportphysio-Kurs. Defibrillatoren sind Pflicht, Herzscreenings Standard. Der THW Kiel startet die Aktion „Handball Herz – Gemeinsam helfen, Leben retten“. Die Zahlen sind nackt: Jeden Monat kollabieren in Deutschland drei Sportler zwischen 14 und 34 Jahren – unentdeckte Herzmuskel-Erkrankungen. Faißts Name steht auf der Spendenseite, seine Nummer 7 ist kein Mythos mehr, sondern Warnruf.

Heuberger, heute 60, lehnt sich zurück. „Ich hätte ihn als A-Nationalspieler gesehen, ganz klar. Aber der Sport schreibt keine Märchen, er schreibt auch keine Gerechtigkeit.“ Der Coach trägt noch die alte Uhr, die Faißt ihm zum 40. Geburtstag schenken wollte – nie überreicht, immer im Schreibtisch. Wenn er sie öffnet, tickt sie. Genau 16 Jahre, kein Tag länger.