Schiedsrichter-skandal in italien: ermittlungen, schweigen und ein code?

Ein eisiger Wind weht über den italienischen Fußball. Die Ermittlungen gegen Funktionäre und Schiedsrichter um den Vorwurf der Manipulation von Spielen werfen lange Schatten – und das, obwohl die Angelegenheit schon seit fast anderthalb Jahren brodelt. Während der Staatsanwalt Maurizio Ascione seine Theorien hartnäckig verfolgt, hält sich der betroffene Schiedsrichter Gianluca Rocchi wortlos, was die Sache umso verwickelter macht.

Rocchi schwiegert – und sein anwalt rechtfertigt das schweigen

Die Situation ist geradezu grotesk: Rocchi, einst eine Schlüsselfigur im italienischen Schiedsrichterwesen, hat sich für die heutigen Verhöre in Mailand abgemeldet. Sein Anwalt Antonio D’Avirro begründet dies damit, dass ihm die vollständigen Ermittlungsunterlagen nicht vorliegen. „Ohne Kenntnis des Aktenversuchs bin ich nicht in der Lage, meinen Mandanten effektiv zu verteidigen“, so D’Avirro. Ein wohlbekanntes Spiel, bei dem das Schweigen oft mehr aussagt als Worte.

Die behauptungen des staatsanwalts: ein fingierter schiedsrichterauswahl?

Die behauptungen des staatsanwalts: ein fingierter schiedsrichterauswahl?

Im Zentrum der Ermittlungen steht der Vorwurf, dass Rocchi gezielt Schiedsrichter ausgewählt hat, die dem Inter Mailand wohlgesonnen waren. Ascione vermutet, dass es bei einem Spiel zwischen Milan und Inter am 2. April 2025 zu einer „fingierten Auswahl“ gekommen sein könnte. Doch wie genau kam es dazu? Die Ermittler suchen fieberhaft nach Antworten und glauben, die Stimmen der Beteiligten identifiziert zu haben – es handelt sich dem Vernehmen nach um Personen aus dem eigenen Schiedsrichterkreis.

Ein weiterer Brancheninsider, Michele Croce, hat bereits im Januar 2024 einen Bericht an die Staatsanwaltschaft erstattet. Seine Aussage ist zwar relevant, aber nicht die stärkste Beweismittel. Auch der ehemalige Schiedsrichter Eugenio Abbattista, der sich öffentlich kritisch über Rocchi und das System geäußert hatte, soll kontaktiert worden sein. Er verließ den italienischen Schiedsrichterverband (AIA) im Jahr 2024 aus persönlicher Frustration.

Ein mysteriöser code: „schere, stein, papier“ in lissone?

Ein mysteriöser code: „schere, stein, papier“ in lissone?

Doch das ist noch nicht alles. Eine anonyme Quelle gab gegenüber der Nachrichtenagentur Agi ein verstörendes Detail preis: Es soll einen geheimen Code gegeben haben, mit dem Schiedsrichter bei Spielen in Lissone Einfluss nehmen konnten. „Das ‚Schere, Stein, Papier‘-Spiel existierte, aber nicht jeder erhielt die Anweisungen von Rocchi oder anderen. Diese richteten sich nur an ‚Freunde‘. Wer sich diesem System widersetzte, wurde ausgebootet“, so die Quelle. Die Aussage wirft ein düsteres Licht auf die internen Verhältnisse im AIA und deutet auf ein Klima der Vetternwirtschaft und des Drucks hin.

Die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Fünf Personen, darunter Rocchi und Gervasoni, sind derzeit angeklagt. Die kommenden Tage werden entscheidend sein, um das komplexe Puzzle der Beweise zusammenzusetzen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ob Ascione seine Theorie beweisen kann, bleibt abzuwarten. Doch eines ist klar: Dieser Fall wird den italienischen Fußball noch lange begleiten und das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Schiedsrichter nachhaltig erschüttern.