Scariolo jagt in athen die fehlende krone – und zockt nebenher briscola
Sergio Scariolo ist zurück im OAKA, 35 Jahre nach seinem ersten Final Four mit Pesaro und 17 Jahre nach dem verlorenen Finale von Málaga. Diesmal trägt er das Weiß des Real Madrid, will endlich den Pokal holen, der ihm auf Klubebene fehlt – und erklärt dabei lieber eine Runde Briscola als Power-Point-Taktik.
Die kartenlehre des italienischen strategen
„Wie beim Briscola braucht man Ass und Drei“, sagt er und meint damit jene Spieler, die in der Lage sind, eine Partie mit einem einzigen Zugriff zu drehen. Im Fall von Madrid fehlen mit Edy Tavares und Sergej Lenz gleich zwei Asse – beide fielen vor Wochen aus. „Ein Tsunami“, nennt Scariolo die Verletzungswelle, die seine Mannschaft entkernte. Statt zu jammern, bastelte der Brescia-Sohn eine neue Identität: schneller, kleiner, dreckiger. Die Defense rückt weiter raus, der Ball soll nicht mehr in den Ring, sondern vorher schon gestoppt werden. „Wir müssen frecher werden, sonst ziehen die anderen den Kopf einfach durch die Reuse.“
Am Freitag trifft Real im Halbfinale auf Valencia – und damit auf Pedro Martinez, mit dem Scariolo sich 1993 in einem Korac-Cup-Finale gegenüberstand, als beide noch Trainingsanzüge aus Polyester trugen. „Wir sind die letzten Dinosaurier“, lacht er, „aber noch lange nicht ausgestorben.“

Italia aus der ferne: stolz und schaudern zugleich
Zwischen den Video-Sessions schaffte er einen Sprung nach Brescia – „meine Glückselige Insel“. Dort aß er Torta al Donizetti, spielte mit Freunden Karten und feierte nebenbei den Inter-Scudetto. „Im Geisten sehr, mit jedem Sieg mehr.“ Wie ein Kind, das die Süßigkeit nach und nach auf der Zunge zergehen lässt. Dabei fällt ihm ein, dass er mit José Mourinho künftig Kollege im selben Klub sein könnte. „Sollte es offiziell werden, wäre das etwas Spezielles“, sagt er und lässt die Bombe einfach liegen.
Das italienische Basketball-Paradoxon beschreibt er mit klarem Blick: „Liga konkurrenzfähig, Manager mit Köpfchen – aber Hallen, die an die Zeit von Mussolini erinnern.“ Kurzfristdenken beherrsche die Debatte, Langfrist-Projekte sehen selten Licht. „Es fehlt der Blick über die nächste Partie hinaus.“

Procida, acb und die angst vor leergezockten kondensatoren
Über Luigi Procida schwärmt er wie ein Stolzer Onkel. „Von Nichtschütze zu respektablem Shooter – das Training hier ist ein Hochleistungskurs.“ 15 Minuten hinter Mario Hezonja und Gabriel Deck zu stehen, sei in Spaniens Liga „Goldwert“. Dennoch warnt er: Die ACb mit 18 Klubs plus EuroLeague mit 20 Teams „lädt die Akkus so sehr, dass sie mittelfristig platzen“. Verletzungswellen, Rotationspflicht, Qualitätsverlust – ein Teufelskreis.
Die Lösung? Vielleicht ein Klub-Weltverband, vielleicht ein Arrangement mit der NBA Europe. Der Real habe „keine Angst vor Verhandlungen“, solange das Erbe der EuroLeague nicht verscherbelt wird. „In ein paar Wochen muss die Entscheidung fallen, aber die Bereitschaft ist da.“

Die finale rechnung
Scariolo braucht kein Power-Trio, keine Hollywood-Story. Er will einfach den Pokal, den er als Spieler und Nationalcoach schon hob, aber nie mit einem Verein. „Wenn wir ums Überleben kämpfen und trotzdem den besseren Dreier treffen, kann das reichen.“ Die Karten liegen offen: Ass und Drei hat er nicht, dafür aber ein Team, das gelernt hat, mit offenen Karten zu bluffen. In Athen zählt nur, wer zuletzt aufsteht – und vielleicht, wer die bessere Briscola-Strategie hat.
