Saviano zerreißt italiens größte wunde – und stellt brusca gegen falcone
23. Mai 1992, 17 Uhr: 400 Kilo Sprengstoff zerreißen die Autobahn A29 bei Capaci. Giovanni Brusca drückte die Fernzündung, Francesca Morvillo saß neben ihrem Mann auf dem Rücksitz. 33 Sekunden später war Italien ein anderes Land. Heute startet La7s sechsteilige Dokumentation La giusta distanza – und Roberto Saviano legt die Schere zwischen Mörder und Opfer in die Hand des Zuschauers.
Warum ausgerechnet brusca gegen morvillo?
Saviano verzichtet auf das klassische Gangsterporträt. Stattdessen montiert er zwei Lebensläufe, die sich nur ein einziges Mal berührten – in dem Moment, als Bruscas Finger den Knopf drückte. Morvillo, 1967 in den Richterdienst eingetreten, galt als eiserne Jugendrichterin, die vor Gericht Minderjährige vor der Camorra bewahrte. Brusca, 1957 in San Giuseppe Jato geboren, wurde zum „Kassierer der Cosa Nostra“, weil er für Totò Riina die blutigsten Rechnungen beglich. Die Serie zeigt: Der Abstand zwischen beiden war nie größer als 189 Meter – genau die Länge der Funkstrecke zwischen Bruscas Beobachtungspunkt und dem Fahrzeugkonvoi.
Die erste Folge verzichtet auf Rekonstruktionen mit Schauspielern. Saviano lässt Original-Vermessungskarten, Archivfunk und das handschriftliche Dienstschema Morvillos sprechen. Dazwischen: Bruscas Stimme aus dem Off, aufgenommen in seinem Zeugenschutzprogramm. Das Ergebnis ist kein Thriller, sondern eine akustische Schädelsprengung. Wer sich fragt, wie sich ein Land 30 Jahre nach dem Massaker wieder mit Matteo Messina Denaro abfindet, bekommt hier die Antwort: Es hat die Schere nie weggesteckt.

Die zahlen, die niemand zeigte
Capaci kostete nicht nur fünf Menschenleben. Saviano rechnet vor: 1.338 Richter und Staatsanwälte wurden seit 1992 unter Polizeischutz gestellt, 46 Prozent von ihnen leben heute noch in Bunkerwohnungen. Die Kosten: 1,2 Milliarden Euro Sicherheitsbudget allein für das Ministerium in Rom. Und der Preis für Bruscas Kronzeugen-Deal? 26 Jahre statt lebenslänglich plus 41 neue Identitäten für seine Familie. Die Serie zeigt, dass die italienische Republik für jeden Tag, den Brusca lebt, 18.000 Euro zahlt – Mittel, die Morvillos Jugendgericht fehlen.
La7 sendet konsequent um 21:15 Uhr, die Zeit, zu der damals der Konvoi die Autobahn verließ. Die Einschaltquote wird als Indikator für das kollektive Gedächtnis gelten. Denn Saviano stellt nicht die Frage, ob Italien vergessen hat. Er beweist, dass es sich selbst belügt. Die letzte Einstellung der Episode: eine Drohne schwebt über dem heutigen Asphalt – dort, wo einst der Krater war, steht jetzt ein McDrive. Kein Kommentar. Nur ein Schnitt auf schwarz.
