Sané-pfiffe in stuttgart: wenn fans ihre eigene mannschaft treffen

Der Jubel für Deniz Undav war kaum verklungen, da schlug das andere Stuttgart ein. Ein Pfeifkonzert, der sich buchstäblich in die Wirbelsäule bohrt, als Leroy Sané in der 62. Minute zur Einwechslung Richtung Mittellinie lief. Kein vereinzelter Pfiff, sondern ein gellender Protest aus schätzungsweise 8.000 Kehlen – direkt vor der Haupttribüne, dort wo sonst die Anfeuerung sitzt.

Warum ausgerechnet sané?

Die Logik sucht man vergeblich. Drei Tage zuvor noch hatte der Flügelmann gegen Luxemburg die Vorlage für das 1:0 geschrieben, gegen Ghana den Siegtreffer vorbereitet. Die Statistik: fünf Scorerpunkte in den letzten drei Länderspielen. Doch offenbar zählt in der Neurose mancher DFB-Anhänger nur das letzte Bild, das 0:0 gegen die Schweiz, in dem Sané nach 68 Minuten ausgewechselt wurde. Das reicht als Kündigungsgrund für eine Karriere im Nationaltrikot.

Antonio Rüdiger bekam das zweite Buhruf-Paket, allerdings abgepasst vom Halbzeitpfiff, was die Wucht dämpfte. Sané lief direkt ins Zentrum der Arena, keine Deckung, keine Maske. Was folgte, war die akustische Version eines Shitstorms – live, in Farbe, mit 72.000 Watt Mitlauteindruck.

Julian nagelsmann schwieg mit kalkül

Julian nagelsmann schwieg mit kalkül

Der Bundestrtrainer presste die Lippen zusammen, so wie man es von ihm kennt, wenn er innerlich längst abgewogen hat. „Ich werde nicht jeden Pfeifkreis kommentieren“, sagte er nach dem Spiel, „sondern nur die, die Taktik fahren.“ Dahinter steckt ein Kalkül: Wer jetzt öffentlich zurückpfiff, würde den Konflikt nur befeuern. Nagelsmanns interne Botschaft lautet: Sané bleibt, Punkt. Keine Debatte, keine öffentliche Gnadenfrage.

Und das ist das eigentliche Drama. Denn statt über Umbruch, Stammplätze und die WM-Chancen zu sprechen, diskutiert die Nation über ein paar verirrte Pfiffe, die nicht einmal eine Mehrheit darstellen. Die Mehrheit in Stuttgart applaudierte – nur eben nicht laut genug, um die Hass-Minorität zu übertönen.

Sané selbst schien die Schultern ein Stück tiefer zu hängen, als er sich für die Interviews positionierte. „Muss ich akzeptieren“, sagte er mit monotonem Tonfall, „aber ich werde nicht aufhören, mein Bestes zu geben.“ Kein Selbstzweifel, keine Attacke, nur die nüchterne Erkenntnis: Bei der eigenen Fanbasis ist manchmal die schärfste Kritik die, die keinen Grund hat.

Wenn schon Pfiffe, dann bitte mit Papierkorb: gegen schlechte Leistung, nicht gegen Spieler, die gerade diese Leistung gar nicht zeigten. Der nächste Test ist in fünf Tagen in Frankfurt. Da wird Sané wieder dabei sein. Und wenn er trifft, steht dasselbe Stadion auf einmal. Dann wird applaudiert, was vorher gepfiffen wurde. Der Fußball ist halt schnell – seine Fans manchmal auch, nur in die andere Richtung.