Sandra flunger wirft hin: schweizer biathlon steht ohne ihren erfolgscoach da
Am Ende einer Saison, in der sie alles erreichte, was sich ein Trainer vorstellen kann, tritt Sandra Flungerzurück. Die 43-Jährige verlässt Swiss-Ski – und hinterlässt eine Lücke, die größer ist als jede Loipe.
Der abschied kommt unerwartet
Erst am Sonntag feierte die Schweizer Mixed-Staffel den zweiten Sieg im Weltcup, jetzt steht fest: Flunger hat ihren Vertrag nicht verlängert. „Ich dachte an zwei Olympia-Zyklen“, sagte sie am Montag in der Medienrunde. „Mehr wollte ich nie.“ Acht Jahre, drei Podestplätze, ein Einzelsieg – und trotzdem reicht es. Die Entscheidung fiel in den vergangenen Wochen, als sie nachts aufwachte und wusste: Der Motor ist leer.
Die Zahlen sprechen für sich. Als Flunger 2018 übernahm, rangierte die Schweiz in der Nationenwertung auf Platz neun. Heute ist sie Fünfte. Der Sprung kostete 1.240 Trainingsstunden, 37 Camps in Oberhof, 14 verschiedene Wachssorten und einen privaten Bankkredit, den Flunger aufnahm, um eine private Eisarena in Davos zu mieten – weil Swiss-Ski damals kein Budget hatte.

Wer folgt, tritt in spuren, die kaum jemand füllen kann
Intern kursieren zwei Namen: Ex-Skijäger Claudio Böckli und die deutsche Bundestrainerin Kristina Knoll. Böckli kennt die Schweizer Mentalität, aber er hat keine Weltcup-Erfahrung als Chef. Knoll bringt die Sieger-DNA aus Deutschland mit, verlangt aber ein Budget, das 20 % über dem aktuellen liegt. Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann schweigt bislang. Er weiß: Flungers Nachfolger muss nicht nur die Leistung halten, sondern auch die Kultur, die sie aufbaute.
Denn Flunger war mehr als eine Trainerin. Sie fuhr mit den Athleten ins Crossfit-Studio, las ihren Sohn Gedichte von Kästner vor, damit er die Langeweile der Langlaufstrecken vergaß. Sie verbot Energy-Drinks, dafür gab es selbstgekochtes Rüblipüree. Und sie schrieb jedem Athleten vor jeder Saison einen handgeschriebenen Brief. „Du bist nicht schneller, wenn du Angst hast“, stand darin. „Du bist nur einsamer.“
Die Athleten reagieren geschockt. Lena Häcki-Gross postierte ein Foto von Flungers Wanderschuhen, die im Schnee stehen. „Ohne dich keine 10 km, ohne dich kein Ziel“, schrieb sie. Sebastian Stalder, der erste Schweizer Weltcup-Sieger im Einzel, sagte nur: „Sie hat uns gelehrt, dass ein Podestplatz keine Zufälligkeit ist, sondern ein Anfang.“
Flunger selbst will sich zunächst „verwurzeln“. Sie hat ein altes Holzboot auf dem Silvaplanersee gekauft, will es selbst reparieren. „Vielleicht wird daraus eine neue Stufe“, sagt sie lachend. Ob sie nach Norwegen, Frankreich oder gar Deutschland wechselt, lässt sie offen. „Ich bin 43, nicht 63.“ Die einzige Bedingung: „Das Team muss hungriger sein als ich.“
Swiss-Ski muss nun binnen vier Wochen einen Nachfolger präsentieren, sonst droht das Chaos vor der Vorbereitung auf die neue Saison. Die Verbandsinternen fürchten, dass ohne Flungers Handschrift die jüngste Talente-Generation abspringt. Denn wer will schon in ein Team, das gerade seinen Erfolgsgeist verloren hat?
Die Schweizer Biathleten fahren diese Woche noch ins Trainingslager nach Antholz. Flunger ist nicht dabei. Stattdessen liegt auf der Terrasse ihrer Wohnung in Davos ein Brief. Darauf steht: „Macht weiter, aber vergesst nie: Der erste Schuss zählt nur, wenn ihr ihn frei macht.“
Unterschrift: Sandra Flunger. Kein Abschied, nur eine Pause. Die Loipe wartet. Und sie ist lang.
