Rösch zieht bilanz: kein weltuntergang beim dsv, aber die wahrheit tut trotzdem weh

Kein Sieg, kaum Podeste, Olympia enttäuschend – und trotzdem beharrt Michael Rösch darauf, dass beim Deutschen Skiverband keine „Weltuntergangsstimmung“ herrscht. Die Stimme des Olympia-Siegers klingt in diesem Satz so klar wie das Klicken eines Repetiergewehrs. Doch hinter der Beschwichtigung schimmert ein anderes Bild: Der Biathlon-Standort Deutschland ist abgerutscht, und die Fallhöle ist größer als je zuvor.

Die quote lügt nicht, aber sie erzählt auch nicht alles

30 Einzelrennen, null Siege, nur ein paar Plätze ganz vorn – das ist statistisch die schlechteste Saison der deutschen Geschichte. Rösch sieht darin aber kein Naturereignis, sondern eine Serie von Millimeterfehlern. „Vanessa Voigt mit einer Sekunde schneller am Schießstand, Janina Hettich-Walz mit einem Fehler weniger – schon sieht die Medaille anders aus“, sagt er im Eurosport-Gespräch. Die These: Deutschland ist nicht plötzlich lahm, sondern nur inkonsistent. Das klingt nach Trost, ist aber auch ein Seismograph für strukturelle Risse.

Beleg liefert Julia Tannheimer. Mit 20 Jahren läuft sie 3,2 % schneller als das Weltcup-Mittel – Platz sieben der permanenten Speed-Weltrangliste. Doch ihre Schießquote von 78,3 % nagt an jedem guten Lauf wie Rost an Stahl. „Tanne“ ist Sinnbild für ein ganzes Team: physisch top, psychisch auf Bauarbeit. Drei Jungstars, zwei Routiniers – die Staffel-Mischung ist da, der Zündfunken noch nicht.

Nawrath und horn: ein duo statt einer ein-mann-armee

Nawrath und horn: ein duo statt einer ein-mann-armee

Philipp Nawrath ist der einzige Deutsche, der in dieser Saison Anschluss an die Weltspitze fand. Ohne ihn wäre das Frauen- und Männerfeld völlig entkernt. Rösch betont, wie wichtig es für Talente wie Elias Seidl oder Leonhard Pfund sei, sich im Training an einem „echten“ Top-Ten-Läufer zu messen. Die Botschaft: Ein Vorbild rettet keine Nation, aber ohne Vorbild verloren sich die Jungen im Nebel. Die Frage ist nur, wie lange Nawrath diese Last allein trägt. Philipp Horn? Verletzungsbedingt blieb er ein Phantom – Potenzial ja, Punkte nein.

Frankreich, norwegen, schweden – der abstand wird zur kluft

Frankreich, norwegen, schweden – der abstand wird zur kluft

Während die Skandinavier und die Franzosen Staffelrennen nach Belieben dominierten, rutschen die DSV-Adler durchs Mittelfeld. Rösch zeichnet die Trendkurve nach unten – „brutal“ nennt er den Befund. Der Verband muss jetzt liefern, sonst verliert Deutschland nicht nur Medaillen, sondern auch die Fernsehgewohnheiten einer ganzen Generation. Die klassische Biathlon-Zielgruppe ist 60 plus. Wer bindet künftig die 14-Jährigen, die zwischen TikTok und Ski-Track switchen?

Die Antwort könnte in der Trainerfrage liegen. Mit Sverre Röiseland und Kristian Mehringer fallen zwei Schlüsselkräfte weg. Rösch wirft Namen in den Raum: Jonne Kähkönen, Armin Auchenthaler, Sandra Flunger oder der dehre Andreas Birnbacher – alles Charaktere, die frischen Wind bringen könnten. Entscheidend sei, dass der Verband sich diesmal nicht nach Kurzzeitlösungen umschaut, sondern nach einer Philosophie.

Die podest-formel: 40 reicht nicht, 80 ist zukunft

Die podest-formel: 40 reicht nicht, 80 ist zukunft

Rösch plädiert für Geduld – ein Wort, das in deutschen Medienhäusern seit Jahren verrät. Er selbst kam früher „permanent auf die Fresse“, erinnert er sich schmunzelnd – und genau das sei der normale Weg. Junioren-WM-Beobachtung: Letten und Polen schicken 19-Jährige direkt zu Olympia, Deutschland schützt seine Talente bis zur U25-Depot-Karte. Er fordert: „Vielleicht muss man mal Top-40 als realistisches Etappenziel akzeptieren.“ Für Zuschauer klingt das nach Resignation, für Sportler nach schmerzhafter Erfahrung.

Die große Entdeckung des Winters? Rihards Lozbers, 17, Lette, jüngster Massenstart-Punktgewinner aller Zeiten. Bei den Damen strahlt Maren Kirkeeide, doch selbst sie schwächelte nach ihrem Olympiakater – ein Lehrstück darüber, dass auch Norwegen keine Monopole vererbt.

Kein weltuntergang? die nächste saison wird darüber entscheiden

Kein weltuntergang? die nächste saison wird darüber entscheiden

Rösch schließt mit einem Fazit, das klingt wie ein vorläufiges Urteil: Das Potenzial ist da, die Infrastruktur auch, nur das Ergebnis fehlt. Wenn der DSV die richtigen Trainer setzt, wenn Tannheimer lernt zu treffen, wenn Nawrath gesund bleibt und wenn die Jungen früh reifen – dann kann die Kurve wieder nach oben zeigen. Bis dahin bleibt eine simple Erkenntnis: Ohne Podest wird aus Begeisterung bald Belanglosigkeit. Und diese Gefahr ist realer als jede Weltuntergangsstimmung.