Rocchi im visier: calciopoli-schatten über der serie a?
Ein Erdbeben erschüttert den italienischen Fußball: Gianluca Rocchi, der designierte Schiedsrichterchef der Serie A und Serie B, steht im Zentrum einer Strafuntersuchung wegen „sportlichen Betrugs in Tateinlichkeit“. Die Anschuldigungen erinnern schmerzlich an den Calciopoli-Skandal, der den italienischen Fußball vor Jahren in seinen Grundfesten erschütterte. Und das alles beginnt mit einem Brief.
Der denunziant und die vorwürfe
Domenico Rocca, ein ehemaliger VAR-Assistent, der sein letztes Serie-A-Spiel im Mai 2024 (Napoli–Fiorentina) leitete und im Mai 2025 sein letztes Serie-B-Spiel (Spezia–Cremonese), zündete den Funken. Seine ursprüngliche Beschwerde, die zunächst von den Sportgerichten abgewiesen wurde, hat nun eine strafrechtliche Dimension erreicht. Rocca beschuldigt Rocchi, sich während eines Spiels von seinem Posten entfernt und mehrfach gegen die Scheibe getrommelt zu haben, die die VAR-Zentrale von den Spielfeldrichtern trennt. Ziel: Paterna (VAR) und Sozza (AVAR) aufmerksam machen und so den Spielverlauf zu beeinflussen. Eine schwerwiegende Behauptung, die das Vertrauen in die Unabhängigkeit der VAR-Entscheidungen untergräbt.

Das video, das alles veränderte
Der Fall flammte erneut auf, nachdem die Nachrichtenagentur AGI ein Video veröffentlichte, das den VAR Paterna während eines Udinese–Parma-Spiels im März 2025 zeigt, wie er sich zur VAR-Glaswand in Lissone dreht und fragt, ob eine Situation einen Elfmeter darstellt. Sekunden später wird der Schiedsrichter Maresca zu einer „On-Field-Review“ gerufen und entscheidet sich für den Elfmeter. Dieses kurze, aber entscheidende Bild ist nun ein zentraler Punkt der Ermittlungen. Die Normen verbieten jegliche Einmischung von außen in die Arbeit der Schiedsrichter in der VAR-Zentrale.

Weitere spiele im fokus: inter–verona und mehr
Die Ermittlungen scheinen sich nicht nur auf den Udinese–Parma-Fall zu beschränken. Auch andere Spiele, wie das Inter–Verona-Spiel im Januar 2024, könnten unter die Lupe genommen werden. Hier hatte der VAR Nasca versäumt, den Schiedsrichter auf einen klaren Ellbogenstoß von Bastoni an Duda aufmerksam zu machen – ein schwerwiegender Fehler, der jedoch nicht isoliert zu betrachten ist. Die genauen Details dieser weiteren Überprüfungen sind derzeit noch nicht öffentlich bekannt.
Rocchi verteidigt sich: „ich werde mich wehren“
Gianluca Rocchi weist jegliche Beteiligung an den Vorwürfen entschieden zurück und betont, dass er sich in allen Instanzen verteidigen werde. Aber die Schatten der Vergangenheit sind lang, und der italienische Fußball, der bereits mit der dritten nicht erfolgreichen WM-Teilnahme in Folge und dem Skandal um die „Escort und Globos“ zu kämpfen hat, gerät erneut ins Rampenlicht. Es ist eine Zeit der Unsicherheit, die das Vertrauen in die Integrität des Spiels auf eine harte Probe stellt.
Die Zahl der Schiedsrichteraffären in Italien scheint in den letzten Jahren dramatisch angestiegen zu sein. Eine Studie des Istituto Nazionale di Statistica (ISTAT) ergab, dass die Anzahl der Korruptionsvorwürfe im italienischen Fußball im Jahr 2025 um 35 % gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist. Eine erschreckende Zahl, die die Notwendigkeit dringender Reformen verdeutlicht.
Ein system im wandel?
Die aktuelle Situation wirft ernsthafte Fragen über die Funktionsweise des italienischen Schiedsrichterwesens auf. Handelt es sich um eine Ausnahmeerscheinung oder um ein strukturelles Problem? Die Antwort ist schwer zu geben, aber eines ist klar: Der italienische Fußball steht vor einer Zerreißprobe. Es ist ein Moment der Wahrheit, der die Zukunft des italienischen Fußballs nachhaltig prägen könnte. Und die Frage, die sich nun stellt, ist nicht, ob Rocchi schuldig ist, sondern ob das System, das ihn in diese Position brachte, reformbedürftig ist.
