Retegui fliegt vorab nach italien – wm-traum treibt ihn an
Mateo Retegui will nichts dem Zufall überlassen. Während die Stars der europäischen Topligen auf Klub-Einsätze pochen, schickt der Stürmer von Al-Qadisiya seine eigene Nationalmannschaft vorab in den Krisenmodus – und sich selbst auf die nächste Maschine nach Florenz.
Der Grund: Die saudische Pro League legte nach dem 26. Spieltag wegen der Spannungen im Iran den Betrieb lahm. Rückrunden-Auftakt erst am 3. April. Für Retegui, 15 Ligatreffer in dieser Saison, eine Ewigkeit. WM-Playoff am 26. März gegen Nordirland, mögliches Endspiel drei Tage später – da zählt jeder Trainingstag.
Gattuso erhielt einen anruf, keine powerpoint
Am 14. März also klingelte das Handy von Gennaro Gattuso. „Coach, ich komme sofort, stellt mir einfach eine Flugkarte aus.“ Fertig war die Absprache. Retegui mietete eine Wohnung in Florenz, meldete sich bei Coverciano und trainiert seitdem einmal täglich mit Athletik-Coach Claudio Gaudino, zweimal die Woche mit Ball – individuelles Programm, dafür mit Nationalmannschafts-Logo auf der Brust.
Die Aktion passt ins Bild einer Azzurri-Generation, die sich selbst treibt. Gattuso hatte schon nach dem 4:0 gegen Estland verraten, dass er an Retegui und Kean festhält – 3-5-2 in Krisenspielen, 4-2-4, wenn der Gegner es zulässt. 19 Tore in sechs Länderspielen sprechen für das System. Retegui steht bei fünf Treffern, Kean bei vier. Kein Wunder, dass der Coach die Doppelspitze lieber umbaut als austauscht.

Verteidigung bleibt bausstelle
Während vorne die Tore fliegen, raucht Gattuso hinter der Abwehr. Kein klassischer Libero à la Cannavaro, keine Bonucci-Chiellini-Automatik. Die Lösung heißt momentan Mancini-Bastoni-Calafiori – drei Linksverteidiger in einem Dreierverband. Bastoni, seit Spalletti-Zeiten zentral umgeschult, spielt seine beste Rolle, wenn er links starten darf. Calafiori ist erst 21, kassierte in Bologna bereits sieben Gegentore per Kopfball. Hinzu kommen Standardschwächen: Elf Gegentore nach Ecke oder Freistoß in den vergangenen zwölf Länderspielen.
Bei den Briten wird Flanke zum Standardprogramm. Nordirland schlug zuletzt Luxemburg mit 2:0, beide Tore nach Hereingaben von rechts. Trainer Michael O'Neill ließ sogar die zweite Anspielstation wechseln, um Diagonalbälle zu üben. Gattuso kontert mit Videostudium und einer kleinen Liste: Gatti muss wieder gesund werden, Scalvini soll nach seinem Kreuzbandriss die Dreifach-Position rechts, links, mitte besetzen. Buongiorno? „Braucht Rhythmus“, sagt der Coach lapidar.

Letzter platz für palestra – oder bellanova?
Am Freitag fällt der Kader-Schnitt. 27, 28 Namen, mehr nicht. Neuling wird Tommaso Palestra vom Cagliari sein, Rechtsaußen mit Defensivschliff und 11,3 km-Schnitt pro Spiel. Doch da hinten steht schon Matteo Politano, bei Conte zum hybriden Flügel-Verteidiger geschliffen. Links ist Dimarro gesetzt. Wer neben Tonali, Barella und Locatelli die Räume schließen soll, bleibt offen. Frattesi rückt für den verletzten Verratti nach. Zaniolo? Fällt raus – nicht ganz integriert, sagt Insider. Zappacosta auch. Der 28. Platz entscheidet sich zwischen Bellanovas Physis und Orsolinis Torriecher.
Retegui jedenfalls spielt schon jetzt mit. Drei Wochen vor dem entscheidenden Duell schwitzt er in der Toskana, während die Konkurrenz in Saudi-Arabien auf grünes Licht wartet. Die Botschaft: Wer träumt, muss handeln. Und der Angreifer träumt laut – vom ersten WM-Ticket seit 2014. Am Ende zählen 180 Minuten gegen Nordirland und vielleicht 90 Minuten in Cardiff. Retegui will bereit sein. Die Maschine nach Riad kann warten.
