Retegui fliegt trotz saudi-bremse nach florenz – gattuso baut auf doppelfunfziger
Mateo Retegui hat keine Lust, sich vom WM-Traum ausruhen zu lassen. Während der saudische Ligabetrieb wegen der Iran-Krise stillsteht, packte der Italiener seine Taschen und flog am 14. März nach Florenz. In nur 24 Stunden hatte er eine Wohnung gemietet und das individuelle Training begonnen. Ziel: am 26. März gegen Nordirland topfit zu sein.
Die FIFA-Weltrangliste nennt das Spiel ein „Halbfinale“, für Italien ist es Endspiel-Kultur pur. Wer gewinnt, trifft am 31. März auf Wales oder Bosnien. Wer verliert, bleibt zu Hause. Deshalb legt Retegui sogar sein Gehalt in Saudi-Arabien aufs Spiel: ein längerer Pause könnte seine Form schmelzen, und andere Nummer-9-Kandidaten lauern.
Gattuso setzt auf das duo kean-retegui
Seit seinem Amtsantritt vertraut Gattuso auf ein Doppelfunfziger-System: Kean links, Retegui rechts, 19 Tore in sechs Länderspielen sprechen für sich. Kean steht bei vier Treffern, Retegui bei fünf. Kein anderer Sturm hat in diesem Zeitraum öfter getroffen. Die Botschaft ist klar: funktioniert, wird nicht getauscht.
Die taktische Leitplanke ist dabei variabel. Gegner wie Spanien oder Frankreich sehen ein 3-5-2, in dem Politano und Dimarco die Außenbahnen entern. Gegen kleinere Verbände schaltet die Squadra Azzurra auf 4-2-4 um, die Außenverteidiger rücken höher, Locatelli organisiert zwischen den Linien. Bastoni und Calafiori sind dabei stets die Libero-Versionen eines modernen Build-ups – beide linksfüßig, beide sicher im Passspiel.

Abwehr sorgt für stirnrunzeln
Während vorne die Tore fliegen, blinkt hinten die Warnleuchte. Kein echter Cannavaro-Nachfolger in Sicht, dafür drei Linksverteidiger, die zentral improvisieren. Mancini bringt Serienerfahrung mit, fehlt aber an Zweikampfstärke im Strafraum. Buongiorno verliert in Turin an Boden, Scalvini muss nach seiner Knie-OP wieder in Form kommen. Der einzige, der rechtsfußig alle drei Abwehrpositionen besetzen kann, ist der 20-jährige Scalvini – mehr Plan B als Fels in der Brandung.
Die Statistik nagelt die Probleme ans Kreuz: acht der letzten zwölf Gegentore resultierten aus Standards. Bei nordirischen Flanken und Kopfballstärke ein Horror-Szenario. Gattuso lässt deshalb in Coverciano Extratraining für Luftduelle einbauen; Cristante rutscht als zusätzlicher Libero in die Viererkette, wenn die Führung zu wackeln droht.

Neue gesichter und alte bekannte
Am Freitag folgt die offizielle Nominierung. Mit Palestra vom FC Cagliari kommt ein Flügelspieler, der in einer Fünferkette beide Phasen beherrscht. Politano dürfte trotzdem rechts beginnen, weil seine Erfahrung mit Contes Systeme zählt. Dimarco ist auf der linken Seite gesetzt. Wer noch fehlt: Zaniolo gilt als nicht integrationsfähig, Zappacosta fällt raus. Vergara, eigentlich Kandidat Nummer 28, laboriert an einer Oberschenkelblessur – nachrücken könnten Bellanova oder Cambiaghi, je nach Gegner-Analyse.
Die Kader-Liste liest sich wie ein Mix aus Not und Mut: 27 Feldspieler, vier Torhüter, ein Team, das sich nicht mehr hinter den Mythos der „Immobilien-Abwehr“ verstecken kann. Italien muss Tore schießen, um zu gewinnen – eine Erkenntnis, die dem italienischen Fußball seit 2006 fremd war.
Gattuso selbst sagt: „Wir haben kein Nesta mehr, aber wir haben Retegui und Kean. Wenn die Jungs vorne die Netzer zappeln lassen, brauche ich hinten keine Helden.“ Die Aussage klingt nach Kampf- statt Kaiser-Italien – und genau deshalb fliegt Retegui lieber früh nach Florenz, statt in Riad zu warten. Wer träumt, muss handeln.
