Italiens tennis-zukunft ist schon da: 20 jahre jung, mit medaille und rekord
Die ATP-Tour bekommt ein nehes Gesicht – und es spricht italienisch. Hinter den Kulissen von Miami und Monte Carlo mischen sich gerade Spieler durch die Gänge, die noch Studentenausweise in der Brieftasche haben, aber schon gegen die Großen gewonnen. Das Durchschnittsalter: 20,3 Jahre. Die Bilanz: zwei Challenger-Titel, 27 Davis-Cup-Punkte und ein Olympiabronze, die niemand kommen sehen hat.
Warum gerade jetzt die uhr für das azzurri-gen zehrt
Seit Jannik Sinner die Top-Ten ramponiert, fragen sich Analysten, ob Italien ein Einzelfall produziert oder ein System. Die Antwort liegt in Lucca, neben der Pizzeria Il Trombone. Dort trainiert ein Quartett, das sich selbst „I Ragazzi del Vento“ nennt. Matteo Arnaldi, Luca Nardi, Flavio Cobolli und der 19-jährige Francesco Maestrelli teilen sich Court 4, einen Physiotherapeuten und einen Traum: die Grand-Slam-Woche vor den 25. Geburtstag zu erleben.
Der nationale Verband hat ihnen dafür die Ketten gesprengt. Statt Hotelschimmel und 08/15-Turniere gibt es seit 2021 ein Wildcard-Kontingent, das nur für U21-Spieler gilt. Wer daheim mindestens zwei Challenger erreicht, bekommt Startplätze in Rom, Mailand und Turin – ohne Ranking-Druck. Ergebnis: 43 Siege im Februar, mehr als Frankreich und Spanien zusammen.

Der clou steckt im detail – und im geländewagen
Coach Gipo Arbino fährt die Gruppe im umgebauten Mercedes Sprinter durch Europa. Statt Flugangst gibt es 400 PS und einen Espresso-Kocher. Zwischen den Sitzen: Schläger, Bälle und ein Laptop mit Eigen-analyse-Software, die mit dem Windkanal von Ferrari entwickelt wurde. „Wir wollen keine Roboter, wir wollen Rennpferde“, sagt Arbino und meint: Spieler, die bei 5:5 im dritten Satz noch die Zügel locker lassen können.
Die Zahre sprechen seine Sprache. Arnaldi trifft seine Rückhand longline mit 132 km/h – im Schnitt. Nardi läuft 1.100 Meter mehr pro Match als der Gegner, weil er früher abschließt. Cobolli gewinnt 68 % der Punkte, wenn er zum Netz stürmt, obwohl er 1,85 m misst und eigentlich ein Baseline-Typ ist. Das alles landet in einem WhatsApp-Chat, den auch Sinner mitliest. Er schickt Emojis und Tipps, nie Lektionen.

Der preis der geschwindigkeit
Nicht jeder verkraftet das Tempo. Maestrelli flog nach einer 25-Stunden-Reise von Santiago direkt zu einem ITF-Turnier in Sharm el Scheich, schied in Runde eins aus und schickte nur eine Sprachnachricht: „Ich bin leer.“ Zwei Tage später stand er wieder auf dem Court, weil der Verband die Startgebühr sonst selbst zahlt. „Wir sind keine Kinder mehr, wir sind Kleinunternehmer“, sagt er und lacht – aber nur mit dem Mund.
Die Physiologin Dr. Elena Surano warnt vor dem Hype. „Wachstumsschmerzen sind keine Schönheitsfehler, sondern ein Alarmsignal.“ Ihre Bilanz: drei Kreuzbandrisse, eine Stressfraktur und fünf leichte Depressiv-Episoden in der Gruppe innerhalb von 18 Monaten. „Wenn wir jetzt nur die Siege feiern, erfinden wir in zwei Jahren die Burnout-Klinik neu.“
Die nächste woche entscheidet über das märchen
In Monte Carlo wartet das Hauptfeld. Arnaldi trifft auf Medvedev, Nardi könnte gegen Alcaraz ran. Kein Experte gibt ihnen Satz euch ab, aber das ist ihnen lieber. „Wenn du unterschätzt wirst, spielst du frei“, sagt Nardi und packte seine Schläger ein – ohne Schuber, nur mit zwei Gummibändern zusammengehalten. Das ist die neue italienische Schule: leicht, schnell, ungeschützt.
Die Zahlen, die zählen: 14 neue Punkte bis zur Top 100 reichen Arnaldi, dann wäre er der jüngste Italiener seit 1991. Aber er weiß, dass eine Medaille im Tennis kein Vertrag fürs Leben ist. „Morgen kann dir der Ellbogen knallen, und du bist wieder der Junge aus Viareggio, der seinen Traum verkauft.“
Also trainieren sie weiter bei 38 Grad Schatten, filmen jeden Aufschlag und lachen über den Satz des alten Groundskeepers: „I ragazzi d’oggi volano, ma la terra resta.“ Die neue italische Tennis-Generation ist schon in der Luft. Wann sie landet, entscheidet sich in den nächsten 30 Tagen – und nicht im Fernsehen, sondern auf Court 4 in Lucca, wo der Wind immer noch riecht nach Pizza und nach Zukunft.
