Bergerud packt aus: warum polnische derbys deutscher knaller sind
Sein Atem ging durch die Kehle wie ein Sirenengheul – und das war nur die erste Halbzeit. Torbjörn Bergerud, 31, hat die Bundesliga verlassen, aber nicht die Hölle: In Plock erlebte der Norweger gerade seine ersten Holy Wars und stellt nüchtern fest: Flensburg gegen Kiel war ein Picknick dagegen.
Sechs rote karten, sieben siebenmeter, ein sieg – das normale programm
Die Szene steht ihm noch vor Augen: Wisla Plock gegen Vive Kielce, 10 000 Zuschauer, die Polizei in Kampfausrüstung, Bengalen wie Nebelmaschinen. Die Partie endet 32:31 nach Penaltys, sechs Spieler fliegen mit Rot. »Die Spiele gegen Kiel sind spektakulär, aber das hier war eine andere Galaxie«, sagt Bergerud im Gespräch mit TVP. Für ihn war es die Bestätigung: Der Schritt nach Polen war kein Karriererückschritt, sondern ein Upgrade ins Ultraregime.
Bei der SG Flensburg-Handewitt lernte er Nordderbys, in Plock lernt er Krieg. »In Deutschland singen und klatschen die Fans. In Polen leben sie jeden Pass mit, jede Parade ist ein Vulkan«, beschreibt er. Die Tribüne ist kein Zuschauerraum mehr, sondern ein zwölfter Mann, der bis zur Schmerzgrenze pusht. Und genau das liebt Bergerud: »Wenn du die Stimmen spürst, stehst du einen Meter vor dem Tor.«

Die kleinen unterschiede, die alles verändern
Die Statistik hilft ihm, die Dimension zu vermessen: In der Bundesliga gab es 2019/20 durchschnittlich 0,9 Rote Karten pro Derbytag; in der PGNiG Superliga sind es 3,4. Die Zuschauerzahlen steigen seit drei Jahren um 18 Prozent, die TV-Quoten um 26. »Das ist kein Zufall«, sagt Bergerud. »Die Leute hier verstehen Handball als Ersatzreligion.«
Der Torhüter spricht auch über die Gerüchte, die ihn im Sommer mit den Füchsen verbanden. »Ich habe mich bewusst für Plock entschieden, weil ich wollte, dass jeder Trainingstag wie ein Finale ist.« Nun steht er vor einem neuen Showdown: Heute abend trifft sein ehemaliger Klub auf den THW Kiel – und Bergerud schaut von der Ferne, aber mit anderen Augen. »Ich weiß jetzt, wie viel Hitze möglich ist. Und irgendwann will ich sie zurückbringen.«
Die Liga ist gewarnt: Wenn Bergerud wieder nach Deutschland kommt, bringt er die polnische Glut mit. Die Art von Glut, die Seile zum Bersten bringt – und Torhüter in Helden verwandelt.
