Regragui wirft hin: marokkos wm-traum ohne den architekten
Walid Regragui ist weg. 50 Jahre alt, Platz acht der FIFA-Weltrangliste, Halbfinale 2022, Afrika-Cup-Finalist – und jetzt ein freier Mann. Der Coach von Marokkos Goldjungs tritt zurück, drei Monate vor der WM 2026.
Die Nachricht kam auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Rabat. Regragui, sonst ein Meister der Kontrolle, klang, als hätte er sich selbst überrascht. „Die Mannschaft braucht ein neues Gesicht, neue Energie, neue Perspektive“, sagte er. Die Sätze wirkten nicht wie PR, sondern wie eine Kampfansage an sich selbst. Er gehe, bevor er zur Last falle.
Der verband weinte – und kassierte
Der marokkanische Verband hatte noch am Vortag intern davon gesprochen, Regraguis Vertrag bis 2028 zu verlängern. Laut „Foot Mercato“ soll Sportdirektor Hicham Ait Menna sogar Handgeld in Höhe von 300.000 Euro bereitgelegt haben. Regragui lehnte ab. Stattdessen schob er Mohamed Ouahbi nach vorne, den bisherigen U23-Coach. Ouahbi, 44, führte Marokkos U20 2025 zum ersten WM-Titel. Seine Spielphilosophie: hohes Pressing, 3-4-3-Drehung, Tempo wie am Fließband. Ob das reicht, um Hakimi, Ziyech & Co. auf Brasilien, Schottland und Haiti vorzubereiten?
Die Zeit arbeitet gegen den Nachfolger. Ouahbi hat genau 97 Tage, bis in Miami das Eröffnungsspiel steigt. Regragui hinterlässt eine Defensive, die in 18 Pflichtspielen nur neun Gegentore kassierte – und eine Offensive, die bei der letzten WM durch ihr Halbfinale raste, weil sie sich auf Konter spezialisiert hatte. Ouahbi muss nun umdenken, ohne die Testspielphase zu nutzen. Die FIFA-Fenster im März und Juni sind bereits fix verplant.
Toni kroos’ prognose bekommt einen knacks
Erst im Dezember hatte Toni Kroos im Doppelinterview mit Romário Marokko als seinen Geheimtipp gehandelt. „Technisch stark, enorm verbessert“, sagte der Deutsche. Diese Einschätzung galt für ein Team, das Regraguis Handschrift trägt. Ohne ihn bleibt ein Puzzle, bei dem die Ecksteine fehlen. Die Fans auf der Place des Nations in Casablanca reagierten mit Schweigen, dann mit Pfiffen. Der beliebteste Coach seit Herve Renard ist Geschichte – und niemand weiß, ob Ouahbi die Magie zurückholt.
Die WM-Tickets sind bereits ausverkauft. Die Gruppe C gilt als eine der lohnenswertesten für afrikanische Hoffnungsträger. Doch der Rücktritt wirft einen Schatten. Regragui selbst schloss sich für die Zukunft nicht aus: „Ich werde immer ein Löwe bleiben.“ Aber eben nicht mehr als Rudelführer. Marokko reist als Geheimfavorit – nur ohne den Mann, der das Geheimnis kannte.
